Ein sechsköpfiges Team von Ärzte ohne Grenzen harrt noch im Al-Kindi-Krankenhaus im Nordosten von Bagdad aus – mitten im Krieg. Die meisten Organisationen haben ihr ausländisches Personal längst abgezogen. Die sechs Mediziner – sie stammen aus Italien, Frankreich, Österreich, Norwegen, Sudan und Algerien – behandeln rund um die Uhr Patienten, die bei Bombenangriffen Quetschungen und Schnittwunden durch umherfliegende Glasscherben und Gebäudeteile davongetragen haben. Vor allem aber, sagen sie, litten immer mehr Leute an den psychischen Folgen des tage- und nächtelangen Beschusses. Mehrfach schon seien Menschen mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen zusammengebrochen. Schuld daran, diagnostizieren die Notfallärzte, sei der Stress infolge dauernder Todesangst.

Irakische Mitarbeiter der Caritas berichten, dass immer wieder Bomben und Raketen in Wohngebieten einschlügen. Es gebe Alte, Kranke und Schwangere, die seit Tagen nicht geschlafen hätten und sich in Kirchen am Rande von Bagdad flüchteten.

Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hat noch ausländische Helfer im Irak. Sechs in Bagdad, vier in Erbil und seit dieser Woche vier weitere in Basra. Sie werden von etwa hundert irakischen Kollegen unterstützt. Vor wenigen Tagen gelang es ihnen, die Wasserpumpen nördlich von Basra wieder in Gang zu setzen, seitdem verfügt zumindest die Hälfte der Einwohner über Trinkwasser. Das war eine heikle, aber lebensnotwendige Aktion. Fachleute aus Kuwait mussten herbeigeschafft werden, ebenso irakische Ingenieure aus der von britischen Truppen belagerten Stadt Basra. Das Rote Kreuz verhandelte mit allen Kriegsparteien, erst dann konnten die Helfer die feindlichen Linien überqueren – die erste so genannte cross-line-operation dieses Krieges. Ebenfalls zum ersten Mal seit Beginn der Kämpfe besuchten am Montag 15 Rot-Kreuzler ein Kriegsgefangenen-Lager der Amerikaner im Süden des Iraks.

Sie inspizierten die Unterkünfte, sprachen mit den Kommandeuren und befragten einzelne Insassen über die Haftbedingungen. Über das Ergebnis der Visite herrscht Schweigen. Nach amerikanischen Angaben haben die alliierten Truppen inzwischen 4000 irakische Kämpfer festgesetzt, die Iraker sprechen von neun US-Kriegsgefangenen. Die humanitären Organisationen hoffen, dass die Gefangenen auf beiden Seiten so behandelt werden, wie es die Genfer Konvention vorschreibt. Mit Genugtuung registrierten sie, dass US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld unverzüglich auf die Einhaltung der internationalen Regeln pochte, als die Iraker im Fernsehen US-Soldaten vorführten. Nicht immer erweist das demokratische Amerika dem Völkerrecht so viel Respekt. Auf das Bagdader Regime ist in dieser Hinsicht sowieso kein Verlass.

Alle Helfer, ob von den Vereinten Nationen oder den vielen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), eint in diesem Krieg eine große Sorge: "Wir wollen nicht die fünfte Kolonne der Koalitionsarmee sein", sagt ein UN-Mitarbeiter.

"Kooperation, ja. Lenkung, nein"

Die humanitäre Hilfe, das hatte Washington von Anfang an klar gemacht, sollte bei diesem Feldzug vor allem die Angelegenheit der Amerikaner sein. Unterstützung vom Roten Kreuz, von der UN und den vielen NGOs sei zwar herzlich willkommen, aber bitte nur nach Weisung des Militärs. Die amerikanische Regierung hat die humanitären Einsatzpläne bis ins Detail ausgearbeitet. Von der Hafenstadt Umm Kasr aus verteilen Soldaten Hilfsgüter im Süden des Landes. Vor dem Krieg war Umm Kasr bereits Umschlagplatz der Lebensmittelhilfe des Oil-for-Food-Programms, von der seit vielen Jahren fast zwei Drittel der Iraker abhängen. Nach Schätzungen des Kin-derhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef, bekam schon vor dem Krieg jedes vierte Kind nicht genug zu essen, um sich körperlich und geistig normal zu entwickeln. In der vergangenen Woche hat der UN-Sicherheitsrat beschlossen, das Programm für anderthalb Monate wieder aufzunehmen. Bagdad protestiert, weil die Güter, anders als in der Vergangenheit, an der Regierung vorbei verteilt werden sollen.