Längst wacht die staatliche amerikanische Entwicklungshilfe-Agentur USAID über die Lebensadern in den Irak. Das von ihr gesteuerte Disaster Assistance Response Team, kurz DART genannt, erkundet von Kuwait aus, an welchen Orten im Irak ihrer Einschätzung nach Hilfe gebraucht wird, und versucht die NGOs zu instruieren. Die "Einsatzbefehle" soll das Humanitarian Operation Center (HOC) erteilen, eine Kommandozentrale, die ebenfalls in Kuwait eingerichtet wurde, besetzt mit 50 Regierungsbeamten und Militärs. In einer Ansprache von George W. Bush an das irakische Volk schmilzt das ganze Unternehmen auf die einfache Formel zusammen: "Während unsere Koalition das Regime beseitigt, liefern wir euch die Lebensmittel und die Medizin, die ihr braucht."

Die Verheißung des amerikanischen Präsidenten – für die internationalen Helfer ein Albtraum. Wer sich einmal mit den Militärs verheirate, sagt Poul Nielson, verliere seine Glaubwürdigkeit als neutrale Institution. Den einsilbigen und recht medienscheuen dänischen EU-Kommissar für Entwicklung und humanitäre Hilfe hat der Irak-Krieg ins Rampenlicht gezwungen. Die EU leistet über ihre Unterbehörde ECHO seit dem ersten Golfkrieg Hilfe im Irak und verkündet mit hörbarem Stolz, dass ECHO damit der dienstälteste und größte Spender vor Ort sei. Dieser Tage beschwerte sich Nielson lauthals in Washington und London, wo ihn bislang kaum jemand kannte oder wahrnahm. Schon in Afghanistan, mahnte der Kommissar, hätten britische und amerikanische Soldaten, getarnt als zivile Helfer, Essen, Getränke und Kleidung verteilt und dabei die Menschen ausgefragt. "Die Leute werden misstrauisch", sagt Nielson, "das weckt Ängste bei den Hilfsorganisationen." Und die Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen, Ulrike von Pilar, ergänzt: "Wie sollen sich humanitäre Helfer dagegen schützen, mit Soldaten verwechselt zu werden? Wir fürchten um den Geist der Genfer Konventionen und fordern, dass die Helfer ausschließlich im Interesse der Opfer handeln – nicht im Interesse irgendeiner Regierung."

Aus diesem Grund wehren sich die NGOs auch gegen eine von der alliierten Koordinierungsstelle HOC abgestempelte Ausweiskarte. Auf ihr sollte der Name der Hilfsorganisation und der Einsatzort eingetragen werden. Für die NGOs gleichsam eine Visitenkarte der Streitkräfte. "Koordination durch die HOC, ja", sagt Ed Schenkenberg vom Internationalen Rat freiwilliger Hilfsagenturen (ICVA) in Genf, "Lenkung, nein." Wir dürfen niemals den Eindruck erwecken, sagt ein UN-Mitarbeiter, als marschierten wir mit den Armeen.

Ganz ohne Militär geht es aber auch nicht – das ist den Helfern klar. Eine Planerin der UN gibt hinter vorgehaltener Hand zu: Weder die Vereinten Nationen noch die privaten Agenturen haben bisher ausreichend Informationen darüber, wo im Irak am dringendsten geholfen werden müsste. Und manche Helfer haben in der Vergangenheit mit den Uniformierten gute Erfahrungen gemacht, zum Beispiel im Kosovo und in Mazedonien. Noch aus dem letzten Golfkrieg wissen sie, dass sich NGOs mitunter selbst im Wege stehen können. Hunderttausende von kurdischen Flüchtlingen harrten 1991 wochenlang in Schnee und Regen im bergigen Nordirak aus. In einem Zelt stritten derweil mehrere Organisationen, wer wann wo wem beistehen durfte. Es ging dabei auch um Macht und Geld. Das Hauen und Stechen stand in seltsamem Kontrast zu den Nöten der Menschen.

Mitarbeit: Gisela Dachs (Tel Aviv), Thomas Fischermann (New York), Joachim Fritz-Vannahme (Brüssel), Reiner Luyken (Larnaka)