Hans Henny Jahnn (1894 bis 1959) ist für den Biografen ein nicht geringes Risiko. Das Leben des Sektengründers, Orgelbauers, Musikverlegers und Schriftstellers ist so reich an Widersprüchen und Absonderlichkeiten, dass man sich leicht verheddert: im Dickicht seiner zuweilen genialen, dann wieder dilettantischen Unternehmungen ebenso wie im bizarren Reich seiner privaten Obsessionen.

Jan Bürger, der lange an der Jahnn-Forschungsstelle der Universität Hamburg gearbeitet und die Briefe mit herausgegeben hat, entzieht sich dem Dilemma auf kluge Weise, indem er sein Augenmerk vor allem auf das literarische Werk richtet und das biografische Material nur insoweit ausbreitet, als es dem Verständnis der Texte dienlich ist. So zeigt er etwa, dass die zum Teil schwierigen Theaterstücke plausibler werden, wenn man weiß, dass sie für kultische Aufführungen in der Ugrino-Gemeinde gedacht waren - oder dass sich die Form des Dramas Armut, Reichtum, Mensch und Tier (1934) dem von Johannes Kepler abgeleiteten "harmonikalen" Weltbild verdankt, das auch Jahnns erfolg- und folgenreiche Arbeit als Orgelbauer bestimmt hat.

Wir haben es also nicht mit einer simplen Jahnn-Biografie zu tun, sondern mit einer sehr lesbaren und intelligenten Deutung jener biografischen und literarischen Energien, die zu diesem sperrigen, außerordentlichen Werk geführt haben. Sehr aufschlussreich sind die Ausführungen zu dem Roman Perrudja (1929). Bürger kann zeigen, dass der Einfluss von Joyce geringer ist, als oft unterstellt wird. Zentrale ästhetische Motive des Romans waren schon konzipiert, bevor Jahnn den Ulysses gelesen hatte. Weshalb aber Döblins zur selben Zeit erschienener Roman Berlin Alexanderplatz, dem Perrudja an Kühnheit und Rang sicherlich gleichkommt, Erfolg hatte, Jahnns Werk hingegen nicht, diese Frage kann auch Bürger nicht beantworten.

Das Gewicht des Buches liegt auf den Jahren 1894 bis 1935. Bürger schildert die ersten und ausschweifenden literarischen Versuche, die Freundschaft mit Harms und die gemeinsame Flucht nach Norwegen, die später im wunderbaren April-Kapitel von Fluß ohne Ufer ihren Niederschlag gefunden hat. Dieser Roman (1941 bis etwa 1950), mindestens ebenso bedeutend wie Perrudja, findet leider nur am Rande Erwähnung.

"Man hat mich nicht soweit verstanden, um mich misszuverstehen", schrieb Jahnn 1947. Nach der Lektüre von Jan Bürgers Buch wird man Jahnn, diesen "gestrandeten Wal", wie er sich selber einmal genannt hat, besser verstehen.

Jan Bürger: Der gestrandete Wal

Das maßlose Leben des Hans Henny Jahnn - Die Jahre 1894 bis 1935 - Aufbau Verlag, Berlin 2003 - 451 S., Abb., 25,- e