War es Wolfgang Joop resp. Joop!, der Modemacher und Parfümeur, der mit diesem Ausrufezeichen anfing? Jetzt gibt es gleich zwei Ausstellungen mit schallverstärktem Titel: Expressiv! im Museum Beyeler in Riehen bei Basel und Grotesk! in Frankfurts Kunsthalle Schirn . 130 Jahre Kunst der Frechheit sollen laut Untertitel hier am Römerberg ausgebreitet werden, erstmals und überhaupt.

Doch schon bald ist der Besucher ratlos. Geschickt eingerichtet die drei groben Säle, keine Frage, halb ein Labyrinth aus kleinen Kabinetten, halb großzügige Wandelhalle. Liebevoll ins Licht gerückt die Gemälde, Grafiken, Bücher, Objekte; Kuratorin Pamela Kort aus New York hat sich eine schöne Mühe gegeben. Wir sehen Werke von Böcklin und Nolde und Klinger (Der pinkelnde Tod), von Klee und Kubin, von Schwitters, Arp, Feininger, Hannah Höch. Dann werden wir an Arnulf Rainers Messerschmidt-Überzeichnungen und Sigmar Polkes Großem Schimpftuch vorbei in eine Galerie der Gegenwartskunst gebeten, in der gewisslich der grotesken Stylmittel kein Mangel herrschet. Etwas seltsam nur, dass man ausschließlich im so genannten deutschen Sprachraum bleibt und dass man die moderne Groteske ganz wurzellos im späten 19. Jahrhundert beginnen lässt (im Katalog darf etwas weiter ausgeholt werden, bis zu Neros Domus Aurea mindestens). Auch dass in Ausstellung und Katalog einige Meister fehlen, über die wir gern mehr erfahren hätten – vor allem Heinrich Kley, dessen Skizzen von Böcklin direkt zu Walt Disney führen –, sei nicht verhohlen. Aber in der Beschränkung liegt nun mal die Kunst, die Kraft und die Ehrlichkeit.

Doch was gibt es Neues? Unbekanntes Altes? Vieles im historischen Teil der Schau erscheint, so gern man es immer wieder sieht, nur allzu vertraut; Böcklins Zentauren, Paul Klees frühe Spukgestalten, Schwitters’ Collagen waren in den vergangenen Jahren in prächtigen Retrospektiven die Fülle zu sehen, auch wurde fast allen der hier miteinbezogenen Wort-Bild-Künstler von Paul Scheerbart bis Fritz Herzmanovsky-Orlando längst in voluminösen Werkausgaben erschöpfend gehuldigt. Und während wir Schwitters’ unverwüstlicher Anna Blume lauschen und Karl Valentin auf der Leinwand seine bewährten metaphysischen Späße macht, sind Entdeckungen eher rar. Etwas bieder erscheint zudem die Grundthese, das Groteske sei das Kennzeichen einer irgendwie "anderen Moderne"; denn ist nicht, recht kantisch übern Ecktisch, Kennzeichen der Moderne das Andere an sich?

So schafft die Schausammlung der Grimassen und Hybriden zwar allerlei wenig überraschende Verbindungen zwischen Böcklins Zwittergestalten und Kubins Nachtmahren, zwischen Feininger und Thomas Theodor Heine, Simplicissimus und Dada. Zugleich jedoch grenzt sie recht professoral ein und aus. Vor allem im zweiten Teil bleibt es völlig rätselhaft, warum wir, zum Beispiel, neben den Werken unvermeidlich vermeintlicher Groteskkünstler wie Dieter Roth und Martin Kippenberger Ölgemaltes von Markus Lüpertz vorgesetzt bekommen, die herrlichen Virtuosen der Frechheit und wahren Simplicissimus- Erben aus dem Umfeld des endgültigen Frankfurter Satiremagazins Titanic aber draußen bleiben müssen.

Ein bisschen brav das Ganze, lehrbuchblass. Wunderbar geeignet für Schulklassen oder den Japaner, Amerikaner auf Europa-Reise, der sich zwischen Drosselgasse und Neuschwanstein einen kurzen Überblick über Deutsch-Europas wilde Jahre gönnen will (Cabaret!). Dem entspricht auch das vorbildliche Begleitprogramm für Familien, Kinder und Klassen "Schirn connected" inklusive eines "Workshops für Erwachsene": "Im Mittelpunkt stehen Improvisation, Laban-Arbeit und Steigerung des eigenen Ausdrucks." Valentin und Karlstadt hätten ihre Freude dran.

Bis 9. Juni; Katalog 29,- Euro (Schirn), 59,- Euro (Buchhandel); Info. 069/2998820; anschließend im Haus der Kunst, München