So ein Miststück. Gibt einfach nicht nach. Kein bisschen. Ich bin die Stärkere. Ich hab die Axt. Und du bist nur ein Stück Holz. "Auf die Kante! Immer auf die Kante zielen." Tu ich doch. Und lande mittendrin in dem Fichtenklotz, der knapp einen halben Meter Durchmesser hat und einen Viertelmeter Höhe. Auf einen groben Klotz gehört ein großer Keil. Die Axt, die ich krampfhaft mit beiden Händen am Ende des Stiels umklammere, wiegt fünf Kilo. So viel wie meine Hanteln daheim. Beide zusammen. Ich bin schon stolz, das Furcht einflößende Werkzeug überhaupt bis über meinen Kopf zu stemmen. Mit ausgestreckten Armen. Allein das ist eine Fitnessübung. Und jetzt einfach fallen lassen. Mit Schwung. Wieder Mitte statt Kante. Die Axt bleibt stecken. Sonst passiert nichts. Holzhacken ist kein Kinderspiel.

Soll’s auch nicht sein. Sondern Therapie. Bewegungstherapie für verzärtelte Städter, notorische Schreibtischhocker – wie mich. So hat es sich Sebastian Kneipp gedacht. Der Naturmensch, der es liebte, als Knecht auf dem Feld zu ackern. Und dem es sicher auch Spaß gemacht hat, verweichlichte Hochwohlgeborene, zwecks Körperertüchtigung und Linderung ihrer Malaisen, niedrigste Arbeit verrichten zu lassen. Holzhacken eben. Denn woher stammt "die auffallend schnelle Empfänglichkeit für alle möglichen Krankheiten, welche man, zum Teile wenigstens, früher nicht einmal dem Namen nach kannte"? Vorzüglich "von dem Mangel an Abhärtung". Und was kann man dagegen empfehlen? "Übung der Körperkräfte": "Wer mir nicht glauben will", schrieb der Landpfarrer, "der lasse einmal eine größere Anzahl von Schustern, Schneidern, Schreibern usw. neben eine ebenso große Anzahl von Holzhackern und Zimmerleuten sich stellen, und man wird sehen, wie verschieden die Kraftleistungen der ersteren und der letzteren sind."

Die zierliche Bäuerin läuft selbst im Winter barfuß

In der Tat. Johannes Seidl ist 50, ein Bär von einem Mann und Waldbauer. Von Kind auf ist ihm die Arbeit im und mit dem Holz vertraut. Ich sitze seit einem Vierteljahrhundert in der Redaktionsstube und lebe ziemlich enthaltsam, was sportliche Betätigung betrifft. Johannes Seidl hat mich als Holzhacker-Azubi aufgenommen. Getreu nach Pfarrer Kneipp: "Was man will und deshalb sucht, das findet man auch, und man wird sich daher schon eine Gelegenheit verschaffen können, um in vernünftiger Weise seine Körperkräfte zu üben." Meine Gelegenheit liegt in Oberhaiderberg, Gemeinde Lohberg, Landkreis Cham, Bayerischer Wald. Zum Hof gehören 75 Hektar Wald, was ja genügt fürs Erste. Mit festen Bergstiefeln und gefütterten Handschuhen stehe ich, dick verpackt, vor der Scheune. Es ist kälter als in Sibirien an diesem Märztag, minus zwei Grad, sanft rieseln die Schneeflocken. Vor mir der Holzbock, neben mir Bauer Seidl. Er zeigt Erbarmen. Und anschließend mir, wie man so einer verdammten, dicken Scheibe die richtigen Schläge austeilt. Auf Anhieb zerspringt das Ding in der Mitte, im Nu ist das Holz gesechzehntelt. "Wie beim Tortenschneiden" geht man den mächtigen Baumkuchen an.

Nun schlägt wieder meine Stunde. Ich werde alles zu Kleinholz machen. Auf einen Streich. Stück für Stück die Sechzehntelbrocken zu Scheiten spreißeln. Für Kamin und Küchenherd. Durchaus sinnvolle Arbeit also. Die heute, wenn’s ums Geld geht, kein Mensch mehr macht, sondern die Maschine. Außer man hat einen Opa auf dem Hof. Großväter hacken gerne Holz, erzählt Johannes Seidl. Er selbst hackt auch gerne. Am Sonntagnachmittag. Zur Entspannung. Ich stelle mich in Positur, hebe mein Arbeitsgerät weit über den Kopf und lasse das schon etwas handlichere Beil fallen. Knarcks. Welch voller Ton. Das Stück gibt sich geschlagen, hüpft elegant auf beiden Seiten weg. Das Nächste bitte. Und hoch. Und drauf. Und flutsch. Die feuchte Fichte lässt sich willig teilen. Die Späne fliegen nur so davon. Bis in meine Haare. Der Kopf glüht. Die Nase läuft. Über Stirn und Rücken rinnt der Schweiß. Unverdrossen ertüchtige ich mich weiter. Auf und nieder, immer wieder. Zugegeben, vom Design her perfekt ist die Trümmerarbeit noch nicht. Mal bleibt ein Splitter hängen, mal saust ein allzu magersüchtiger Scheit in hohem Bogen in den Schnee, mal hupst ein übergewichtiger Brocken vom Bock. Die Nase läuft noch schneller. Und wieder mit Kraft und Gefühl in die Vollen. Nichts geht mehr. Das Beil hat sich mitten im Holz festgefressen.

Und zwar kräftig. "Hauen’s nur, hauen’s nur", feuert Bauer Seidl an. Ich haue, hieve den sauschweren Block in die Höhe, knalle ihn mit aller Wucht auf den Bock, fluche wie ein Holzknecht. "Sie schaffen’s schon." Der Bauer, das Beil und das Holz lassen nicht locker. Tock und tock und tock hämmere ich mit wachsender Wut und Energie auf Bock und Block ein. Noch einmal mit Gewalt. Es kracht und splittert. Endlich. Zwei Holzscheite lassen los und zeigen in der Mitte einen dicken Ast. Äste im Baum sind wie Armiereisen im Beton, hatte mir Johannes Seidl erklärt, in den Ästen sammelt sich die ganze Kraft des Baums. Ich nehme die Herausforderung an. Schon wieder lauert ein Ast. Hat sich tief drin versteckt. Alle Kraft voraus und durch. Das putscht auf. Durch das nächste astlose Stück Fichte gleitet das Beil geschmeidig wie durch eine Buttercremetorte.

Ich habe ein Drittel Ster klein gekriegt. Ein Ster ist ein Raummeter. Ein Raummeter ist ein Kubikmeter mit Luft dazwischen. Je klein gehackter das Holz, desto mehr Luft passt dazwischen. Ein Sack Kaminholz kostet um die 50 Euro. Wert meiner Mühe: 10 Euro. Statt teures Geld ins Fitnessstudio zu tragen, habe ich theoretisch sogar ein bisschen was verdient. Und billig das Gefühl wohliger Mattigkeit und keimenden Stolzes erkauft. Vor dem Arbeitsblock häuft sich ein stattlicher Hügel nachhaltigen Brennstoffs. Energiemäßig umgerechnet, 20 Liter Heizöl. Gesund in jeder Hinsicht.

Holz macht zweimal warm: einmal beim Hacken, einmal beim Heizen. Eine Hackschnitzelheizung spendet auf dem Hof in Oberhaiderberg die Wärme. Alles öko. 35 Bergschafmütter, ihre Lämmer und der Schafbock leben nur von Gras und Heu. Ihr Fell gibt Wolle. Und ihr Fleisch köstliche Salami. Auf dem Frühstückstisch stehen Saft und Marmelade aus selbst gezogenen Himbeeren und Heidelbeeren und Erdbeeren. Die Früchte schmecken wie Erinnerungen an Kindertage. Der Hof hat ein Siegel: "Vom Kneipp-Bund anerkannter Gesundheitshof". Vor ein paar Jahren hat sich Maxi Seidl, die kleine zierliche Bäuerin, ausbilden lassen. Damals war die Idee entstanden, mithilfe von EU-Mitteln Landfrauen zu schulen, um Ferien auf dem Hof noch reizvoller zu machen: Dank des Kneipp-Bunds wurden die Gesundheitshöfe geboren. Das Landwirtschaftsamt in Cham hat sich besonders engagiert. Sein neustes Produkt sind Beinwell-Wochen.