3o Minuten

Drei pfeifen in einem Holzgestell tönen in der leeren St.-Burchardi-Kirche zu Halberstadt Tag und Nacht vor sich hin. Gis , h und gis umwehten die Kamera in den 30 Minuten, die dieses Bild belichtet wurde. Wie man sieht: Viel bewegt sich da nicht. Erst am 5. Juli 2004 kommen e und e‘ dazu. So wächst die Orgel mit jeder Note

John Cage hatte zeit seines Lebens bereitwillig Interviews gegeben; auf Anfragen von Studentenzeitungen war er genauso aufmerksam und freundlich eingegangen wie auf Befragungen von Hochglanzmagazinen. Aber würde es heute noch so sein, elf Jahre nach seinem Tod? Das fragte ich mich, als ich am Ortseingang von Halberstadt auf sein Erscheinen wartete.

Mein Blick ruhte auf der Stadt mit den vielen Türmen. In der ältesten Kirche, St.Burchardi, läuft seit dem 5. September 2001 ein Orgelwerk von John Cage. Es handelt sich dabei nicht um ein Stück, das täglich aufs Neue gegeben würde, sondern um eines, das sehr langsam aufgeführt wird. Aus acht Teilen zu je 71 Jahren besteht es, von denen mindestens einer zu wiederholen ist, also wird die Aufführung allerfrühestens im Herbst 2640 enden.

Drei kurze Pfiffe holten mich in die Gegenwart zurück – er. Gütiges Gesicht, große Ohren, gewaltiges Haar, immer noch diese tief in den Schritt hängenden Jeans wie auf den Fotografien aus den siebziger Jahren, und aus seinem Pullover lugte ein riesiger Hemdkragen. Wir reichten uns die Hände. Sein Griff fühlte sich unsicher an; er hatte gewiss nicht damit gerechnet, noch mal runterzukommen. "Hier bin ich nun", sagte er.

"Willkommen in Halberstadt", sagte ich. Cage blickte über die Stadt. Die Sonne schien. Er blinzelte. "Nach dem Bauernkalender ist das ein Scheinfrühling", sagte er. Sein Sinn für Humor war ihm also geblieben. In seinen Kompositionen hatte Cage versucht, jede Überlieferung auszublenden; die Tradition war ihm ebenso zuwider wie der Bruch mit ihr, alles Wollen war ihm zuwider. Deshalb überließ er den Aufbau seiner Stücke dem Zufall. Er warf Münzen, um Tonhöhen festzulegen, oder legte transparentes Notenpapier über Sternkarten, um das Universum abzuhorchen. Später halfen ihm willkürliche Zahlenreihen aus dem Computer, so auch bei Organ 2/ASLSP aus dem Jahre 1987, dem jetzt in Halberstadt dargebotenen Werk.

As SLow aS Possible – so langsam wie möglich war der willenlosen Komposition als Spielanweisung beigegeben. Eine vierseitige Partitur, die in Halberstadt so gedehnt wird, dass einzelne Töne jahre- oder sogar jahrzehntelang erklingen. "Wie Sie sich vorstellen können", sagte ich, "löst das hier nicht nur Begeisterung aus."

Cage schien das nicht zu kümmern. "Momentan bin ich nicht auf Beurteilungen, sondern auf Abenteuer aus", sagte er knapp. Ich verstand das als Aufforderung zum Gang durch die Stadt.

Er war in den fünfziger und sechziger Jahren viel in Westdeutschland gewesen, aber hier in Sachsen-Anhalt, am Ostrand des Harzes, nie. Er musste gespannt sein auf diese Stadt, die ihn auf eine so nachhaltige Weise ehrte, wie noch kein Komponist vor ihm je irgendwo geehrt worden war. "Wollen Sie auch den Dom sehen, das Gleimhaus, die herrliche Stadtbibliothek, die jüdische Moses Mendelssohn Akademie?", fragte ich.