Jahrom

Ali war Fischer. Er war Soldat. Dann war er Rebell. Jetzt steht er am Straßenrand und wartet. Es wird bald einer kommen und ihn und seine Kameraden auf einen Pickup-Wagen laden. Sie werden zu den Feldern transportiert, damit sie Früchte ernten, oder zu den Bauplätzen, damit sie Ziegel schleppen. Die Sonne wird brennen, und Ali wird der Schweiß von der Stirn laufen. Er wird schweigend arbeiten, wie immer. Aber jetzt ist die Luft noch kühl und das Licht auf den umliegenden Bergen zart. Der Tag reckt sich. Ali hat ein wenig Zeit zum Reden, aber was heißt schon reden? Es muss nur ein Stichwort fallen: Krieg, und ein Wortschwall bricht über einen herein. Ein Geschichtenhagel, der von Angst und Tod handelt, von Verrat und Vertreibung. Ali und seine Kameraden sind Flüchtlinge aus dem Irak.

Der Tag ist also noch lang. Ali wird erst am Abend zurückkommen, und bis dahin kann man zum Flüchtlingslager von Jahrom gehen, einer Stadt im Südwesten Irans. Die Hauptstraße hinunter, vorbei an einem guten Dutzend Arabern, die im Schatten der Bäume sitzen, wieder die Hauptstraße hinauf, und wieder vorbei an den Arabern, die auch am Abend noch hier sitzen werden. Die Strecke ist in fünf Minuten zurückgelegt oder in ein paar Stunden; je nachdem, ob man sich aufhält und den Leuten zuhört.

Zum Beispiel Herrn Khaledi, einem zerknitterten alten Mann, der Messer, Batterien, Kabel und allerlei andere gebrauchte Ware auf einem Tuch ausgebreitet hat. Khaledi lebt schon seit 1980 hier und weiß eigentlich nicht recht, warum. Saddam Husseins Polizisten verhafteten ihn und warfen ihn aus dem Land. Sie behaupteten, er sei Iraner. Davon hörte Khaledi zum ersten Mal. Bis heute weiß er nicht, ob er wirklich iranischer Abstammung ist. Hätte er einen Nachweis gefunden, dass seine Vorfahren aus dem Iran stammten, die Behörden hätten ihm den iranischen Pass gegeben; die Chance auf eine neue Heimat und ein neues Leben.

Als Vogelfreie an der Grenze ausgesetzt

Herr Khaledi ist weit in den Norden des Irans gefahren, weil er sich irgendwann erinnerte, dass ein Onkel, der lange schon verstorben ist, dort angeblich zur Welt gekommen war. Aber es fand sich kein entsprechendes Dokument. Wer keine iranischen Vorfahren hat, der kann das Lager nur vorübergehend verlassen. Und so lebt Herr Khaledi seit 23 Jahren hier und wartet. Zum Abschied sagt er: "Saddam Hussein hat mich zum Iraner gemacht!"

So sind die Biografien dieser Menschen, zerbrochen und nicht wieder zusammengesetzt. Es gibt den Schmied Abu Salim, der aus Bagdad stammt und seit 1979 im Lager lebt. Damals wurde auf einen wichtigen Mann der Baath-Partei ein Attentat verübt. Die Polizei stürmte das Haus Abu Salims, deportierte ihn und seine vierköpfige Familie. Abu Salim wurde im Lager Vater von vier weiteren Söhnen. Seine Frau ist inzwischen gestorben. Die Suche nach iranischen Vorfahren hat er längst aufgegeben. Für die Behörden bleibt er ein Iraker, für Saddam Hussein aber ein Iraner. Das Ergebnis ist, dass er keine staatsbürgerliche Identität hat, die ihm erlauben würde, ein Leben außerhalb des Lagers zu führen.

Es gibt auch Herrn Schafir Madschid Aziz Faili. 1990 klopften Polizisten an seine Tür. Er öffnete. Sie nahmen ihn mit. Während sie ihn wegschleppten, fragte er noch nach dem Grund für die Verhaftung. "Weil du ein Faili bist!", sagte ein Polizist. Ein Faili ist ein Kurde. Wenige Tage später lud man Schafir samt seinen Angehörigen an der iranischen Grenze ab und ließ sie laufen wie Vogelfreie. In Bagdad war er Taxifahrer, jetzt betreibt er einen Imbiss im Basar des Lagers. Er hat Platz für einen Tisch und drei Stühle.