Ramallah

Manche Palästinenser nennen es mission impossible, was Mahmud Abbas, besser bekannt unter dem Namen Abu Masen, vor sich hat. Die Regierung des gerade ernannten Ministerpräsidenten soll unabhängiger, transparenter, fähiger und einflussreicher sein als alle vorherigen. Um auszuloten, ob dies in Wahrheit nicht vielleicht eine unlösbare Aufgabe ist, führt der 67-jährige Generalsekretär der PLO gerade unzählige Gespräche hinter den Kulissen. Ansonsten wolle er den Posten gar nicht erst antreten, sagt jemand, der ihm nahe steht. Ein Mann wie Abbas greife nicht nach der Macht um jeden Preis.

Bisher hat er das Rampenlicht tatsächlich eher gescheut. Er flieht vor den Fernsehkameras, wirkt lieber im Hintergrund, gilt als bedächtig und offen für Beratung. Also keiner von der Sorte, der mit der Faust auf den Tisch haut, wenn ihm etwas nicht passt. Wenn er aber das chaotische palästinensische Haus in Ordnung bringen möchte, dann wird er doch etwas härter auftreten müssen. Den Ehrgeiz zur Veränderung jedenfalls bringt Abbas mit. Er strebe eine geeinte Führung mit der Autorität "über Krieg und Frieden" an, erklärte er in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme.

Doch wie weit akzeptiert ihn das palästinensische Volk? Hat er genügend Rückhalt, um die erwarteten Reformen durchsetzen zu können?

Nach einer Umfrage des Palestinian Center for Public Opinion halten bloß 51,5 Prozent der Palästinenser die Ernennung eines Ministerpräsidenten derzeit für angebracht. Nur 42,2 Prozent unterstützen Abbas’ Nominierung für den Posten. Ein starker Rückhalt ist das nicht. Doch das überrascht nicht. Nach mehr als zweieinhalb Jahren blutiger Auseinandersetzungen mit Israel sind Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit weit verbreitet.

"Die meisten Menschen glauben einfach nicht, dass die künftige Entwicklung von der Schaffung eines solchen Amtes oder von einem Mann wie Abu Masen abhängt. Viel entscheidender erscheint ihnen der Krieg gegen den Irak und die Frage, wie sehr uns Washington unterstützt", sagt Hassan Khader, der vor neun Jahren aus dem tunesischen PLO-Exil zurückkehrte und heute in Ramallah als Literaturkritiker arbeitet. Aber natürlich gäbe er Abbas nur allzu gern eine Chance, das völlig schief gelaufene Projekt namens Autonomiebehörde gründlich zu reformieren. "Warten wir es ab, was er unter den gegebenen Umständen erreichen kann."

Durch die palästinensische Brille betrachtet, war Abbas’ Ernennung vor allem das Resultat heftigen Drucks von außen – als eine der Bedingungen für die Schaffung eines Palästinenserstaats. Das ist eine weitere Erklärung für die geringe Unterstützung für ihn, auch wenn viele froh sind, dass das Ende des "Systems Arafat" naht, in dem alle Fäden von einem einzigen Schreibtisch aus gezogen werden.

In den Augen der internationalen Gemeinschaft hat die Autonomiebehörde ein neues, moderateres Gesicht bekommen: Abbas verurteilte bereits Selbstmordattentate gegen israelische Zivilisten, als Arafat sie noch ankurbelte. Statt des zittrigen Mannes in grüner Uniform und mit Kefije ist jetzt ein grauhaariger Intellektueller im Anzug Ansprechpartner. Offen aber bleibt, ob der Ministerpräsident tatsächlich künftig tun und lassen kann, was er für richtig hält. Arafat hat sich lange gegen die Einrichtung dieses Amtes gewehrt. Erst auf Drängen des Parlaments hat er es mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet.