Amman/Ruweischid

Ließe sich Gefechtsrauch wie Zigarettenqualm inhalieren, die Jordanier wären schwere Passivraucher. Ihre engsten Partner liegen im Krieg gegeneinander: das ferne Amerika, der reiche Gönner und militärische Beschützer, und der Nachbar Irak, der wichtige Handelspartner und Lieferant von Öl zu Vorzugspreisen. Was tun in so prekärer Lage? König Abdallah verkündet mit fester Stimme, dass Jordanien keine Rolle in diesem Krieg habe. Niemand widerspricht, aber auch niemand glaubt ihm das. Jordaniens bestgehütetes offenes Geheimnis ist: Amerikaner wie Iraker strömen von hier aus in den Krieg. Die Amerikaner eher unsichtbar, die Iraker unverhüllt. Jordanien ist das Sprungbrett der Kriegsparteien.

Beginnen wir mit den Unsichtbaren . Irgendwo in Jordanien soll das 2. U.S. Marine Expeditionary Corps aus North Carolina aufgeschlagen haben, sagt die US-Denkfabrik Global Security. Immerhin 11000 Mann. Wenn diese oder Teile davon sich im Lande befinden, dann wohl in den Wüsten vor der irakischen Grenze. Wer nachsehen will, wird an den Kontrollpunkten im Wüstenstädtchen Ruwaischid gestoppt. Fuchtelnde Arme, Polizeisperren überall – der jordanische Osten ist eine verbotene Zone. Welches Geheimnis verbirgt sich dort? Die Regierung in Amman sagt, US-Soldaten würden neben ihren Patriot-Abwehrraketen stehen, zum Schutze Jordaniens. Die US-Botschaft zieht es vor, zu alledem zu schweigen.

Also lassen wir die Indizien sprechen. Wäschereibesitzer in Amman machen den Reibach ihres Lebens, da sie regelmäßig Aufträge für beige, derb gemusterte Herrenoberbekleidung in vierstelligen Stückzahlen erhalten. Jordanische Catering-Dienste sind auf Monate ausgebucht. Jordanische Tourismusunternehmen veranstalten Kaffeefahrten für junge männliche Ausländer mit kurz geschorenem Haar, Sonnenbrillen, voluminösen Schultern und Oberarmen. Sind Ähnlichkeiten mit den U. S. Special Forces rein zufällig? Der amerikanische Botschafter hat vorige Woche aus heiterem Himmel über eine Milliarde Dollar an zusätzlichen Finanzhilfen für Jordanien versprochen – ein Schelm, wer Kompensation dahinter vermutet.

Die professionellen Deuter der Spuren im Wüstensand, Diplomaten und Nachrichtendienste in Amman, sind sich über drei Dinge einig. Eine große Westfront wollen die Amerikaner von hier aus nicht eröffnen. Das wäre kaum zu verbergen und würde Jordanien erbeben lassen. Das Land ist jedoch ein Brückenkopf für Spezialeinsätze. So dürften US-Truppen von Jordanien aus bei der Einnahme von zwei Flugplätzen im Westirak geholfen haben. Und: Bei einer Belagerung Bagdads kann von hier aus Nachschub bequem über eine Autobahn geliefert werden. Einflugsschneise für US-Flugobjekte aller Art ist Jordanien ohnehin.

Die sichtbare Front baut sich in der Innenstadt von Amman auf, gleich beim verwitterten Hotel Kairo um die Ecke. Schauplatz: ein irakisches Restaurant. An der Tür hängt ein Schild mit den Abfahrtszeiten von Kleinbussen und Pkw nach Bagdad. Ein Kundenservice, der das Geschäft ruiniert. "Wir haben in den vergangenen Wochen zwei Drittel unserer Gäste verloren", sagt Omran, der Mann mit Strickjacke und starken Armen, an der Kasse. Viele Iraker aus Jordanien gehen zurück in ihre Heimat. Mitten im Krieg. Das Restaurant wird bald geschlossen. Warum gerade jetzt?

"Ich bin im vergangenen Herbst nur nach Amman gekommen, um Geld zu verdienen", sagt Omran. Auch für ihn ist es Zeit zu gehen. Nachts belädt er seinen Kleinlaster mit Autoersatzteilen zum Weiterverkauf im Irak. In zehn Tagen will er nach Bagdad aufbrechen, zu seiner Frau und den vier Kindern. "Sie sind schon aufs Land gezogen, um nicht im Häuserkampf zu sterben." Omran selbst will in der Stadt zum Gewehr greifen. "Nicht für Saddam Hussein, sondern für die Ehre meines Landes." Zählt die Freiheit nichts? "Doch schon, aber nicht als Gnadengeschenk amerikanischer Soldaten."

Die Verbrechen Saddam Husseins verblassen schnell vor dem Feuer der Fernsehbilder aus Bagdad. Rami verbrachte drei Jahre in einem Kerker, weil er an der Schule gegen das Regime protestiert hatte. Er hasst den Diktator, verachtet die Baath-Partei, fürchtet die Geheimpolizei. Seit sieben Jahren lebt er im Exil. Aber nun will er zurück. "Ich wünsche mir nichts mehr als das Ende des Regimes, aber bitte nicht so!" Im Fernseher des Restaurants flimmern die Aufnahmen brennender Gebäude in Bagdad. "Und ich serviere hier Tee!", schimpft Rami über sich selbst. Der 26-Jährige will kämpfen, diesmal nicht gegen das Regime, sondern gegen die Amerikaner. "Jeder stirbt irgendwann, aber nicht jeder lebt wirklich. Was habe ich zu verlieren?"