Natürlich kann es Zufall gewesen sein, aber jetzt, im Nachhinein betrachtet, scheint es, als sei die Sache mit dem Taxi Absicht. Dreieinhalb Stunden sitzt man im Intercity, fährt weitere 48Minuten von Hagen aus mit einer Bummelbahn ins tiefste Sauerland, allein vier Tunnel zählt man, am Rande der Gleise liegen fichtenbewaldete Hänge. Dann ist das Ziel erreicht, Finnentrop, halb ländliches Idyll, halb Kaff mit 18000 Einwohnern, nicht weit entfernt von Siegen. Auf dem Bahngleis waren sie noch ausgeschildert gewesen: Taxis, hieß es dort, ständen vor dem Bahnhofseingang, auf dem Vorplatz jedoch herrschte gähnende Leere. Nebenan in der Bäckerei Lennemann roch es nach frischen Waffeln, in 15Minuten, sagte die Bäckersfrau, sei das Taxi da. So lernt man die erste Gesundheitslektion im Sauerland: Hier, wo der Fuchs dem Hasen gute Nacht sagt, sollte man sich für alles ein wenig mehr Zeit nehmen.

Es dauert also eine Weile, bis man vor Deutschlands erster Gesundheitsjugendherberge steht, gelegen im Ortsteil Heggen: ein Krankenhausbau aus dem Jahr 1912. Früher haben Vizentiner-Schwestern hier sieche Sauerländer gepflegt, heute hat die Familie Jarzombek das Geschäft übernommen. Die Dienstwohnung der Herbergseltern liegt im ehemaligen Operationstrakt, häufiger trifft man sie jedoch im Personalraum direkt hinter der Großküche. Dort stehen Dinkelplätzchen auf dem Tisch, es gibt Brombeer- und Pfefferminztee, und Stefan Jarzombek, 35, Kurarzt außer Dienst und großer Menschenfreund, erzählt einem, wie er gemeinsam mit seiner Frau Marion, 37, Krankenschwester und Kinderbuchautorin, auf die Idee kam, aus einer einfachen Jugendherberge ein Gesundheitszentrum zu machen: "Es war immer unser Traum, auch Leute zu erreichen, die sich keine Kur leisten können."

Besser aber versteht man sie – und das ist wahrscheinlich der beste Rat, den man Gästen hier geben kann –, wenn man sich selbst auf Entdeckungstour durch das Haus begibt. Gut zwei Stunden sollte man dafür einplanen, denn bis man jeden Rosen-, Lavendel- und Jasminduft im Aromaflur erschnuppert, mit den Händen lange genug das Ballbecken im Krabbelraum durchwühlt, die verschiedenen Wasserstrahlen im Kneippraum ausreichend erprobt und die Füße auf den Matten im Fitnessraum erschöpfend vertreten hat, läutet die Kirche nebenan schon zur Abendbrotzeit. Das Gebäude hat etwas von einem riesengroßen Abenteuerspielplatz, nur dass hier neben den Kommunionsgruppen und Schulklassen auch Erwachsene toben sollen. Gewiss, die Schmetterlings- und Fischgemälde an den Wänden, die ein bisschen an Kinderzeichnungen erinnern, aber von einem anthroposophischen Künstler stammen, sind nicht jedermanns Geschmack.

Im Flur, dessen Wände jetzt mit grellbunten Leinwänden verziert sind, was sie hier in Finnentrop die Farbstraße nennen und bei der Stefan Jarzombek versichert, dass es sich dabei um eine Nachempfindung der Goetheschen Farbenlehre handelt, liegt eines der Zweibettzimmer, die einst normale Kassenpatientenzimmer waren. Auf der Fensterbank steht eine blaue Plastikprimel. Immerhin hat der Raum eine eigene Toilette, die weiß gekachelte Dusche ist auch nur zwei Schritte entfernt. Und wenn man abends in sein Doppelstockbett kriecht, dabei am Pfosten ein mit Filzstift gemaltes Peace-Zeichen entdeckt, die Bettwäsche noch genauso nach Hygiene-Waschmittel riecht wie damals im Schullandheim und das Trippeln von Kinderfüßen auf den langen Linoleumfluren einen in den Schlaf wiegt, dann versteht man, warum ein Aufenthalt in Finnentrop so unendlich erholsam ist: Man darf hier noch mal Kind sein. Schade nur, dass es zum Frühstück nicht wie früher kalten Kakao gibt, sondern Erdbeer-Weizenkleie-Milchshakes.

Gesundheitsjugendherberge Finnentrop-Heggen, Ahauser Straße 22–24, 57405 Finnentrop-Heggen, Tel. 02721/50345. Unter 26-Jährige zahlen für die Übernachtung mit Frühstück bis zu 14,70, Erwachsene bis zu 17,40 Euro (inklusive Bettwäsche).
Keine Bange, man muss nicht im Schlafsaal nächtigen, das Haus hat 216 Betten, es gibt zahlreiche Zweibett- und Familienzimmer. Ein Mitgliedsausweis des Deutschen Jugendherbergswerks ist erforderlich