Schwer zu sagen, wie man sich künftig den mächtigsten Mann der deutschen Ärztelobby, den Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), wird vorstellen müssen. Wird es einer wie Leonhard Hansen? Einer, der morgens um sieben in die Landpraxis eilt und Patienten abhört, bevor er seinen Funktionärspflichten nachkommt. Als Vizevorsitzender galt Hansen in der KBV schon als der kommende Mann. Doch dann sprach sich der Allgemeinmediziner gegen Ärztestreiks aus, während seine Kollegen zu Jahresbeginn "Dienst nach Vorschrift" verordneten. Dummerweise findet er auch nicht alle Reformen der Bundesregierung schlecht, was ihm Rücktrittsforderungen eintrug. Und manchmal, so sagt der Rheinländer mit der zerfurchten Stirn, denke er selbst darüber nach, ob er "der richtige Mann an der richtigen Stelle" sei.

Vielleicht steht künftig einer wie Werner Baumgärtner an der Spitze der Ärztelobby. Baumgärtner ist Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg und nutzt schon als Provinzfürst jede Gelegenheit zur standespolitischen Profilierung. So verklagte der streitbare Schwabe jüngst einen Krankenkassenfunktionär wegen der Aussage, jede fünfte Arzt-Abrechnung sei fehlerhaft. Die Klage wurde zwar abgewiesen, gefiel der Basis aber doch besser als Selbstzerfleischung.

Was ein Arzt verdient, entscheidet die Kassenärztliche Vereinigung

Auch vom derzeitigen Vorsitzenden der KBV Manfred Richter-Reichhelm war bisher kaum Konzeptionelles zu hören, weder zum Abrechnungsbetrug noch zum Ärztemangel im Osten, noch generell zur Gesundheitsreform. Je nach Bedarf schickt er mal den besonnenen Hansen, mal Scharfmacher wie Baumgärtner vor - ohne selbst Position zu beziehen. Seit Anfang 2000 ist Deutschlands oberster Arzt im Amt, bis 2004 läuft sein Mandat. Noch einmal will sich der 61-Jährige nicht zur Wahl stellen. Doch vielleicht wird die Person an der Spitze dann auch nicht mehr so wichtig sein. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat das Hickhack mit den Kassenmedizinern satt - sie versucht, die mächtige Lobby zu entmachten.

Nur jeder dritte Deutsche kann das Kürzel KBV überhaupt zuordnen - und ahnt, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung etwas mit der Abrechnung von Arzthonoraren zu tun hat. Aber die KBV und die nach Regionen aufgeteilten Kassenärztlichen Vereinigungen sind weit mehr als ein Inkasso-Club für weiße Halbgötter. Sie haben sich zur mächtigen Interessenvertretung entwickelt, zum Anbieterkartell, dem jeder Kassenarzt angehören muss. Wer wie viel für eine Behandlung bekommt, entscheidet weder der Patient noch die Gesundheitsministerin oder die Krankenkasse, sondern allein der Kassenarztverein. Er verteilt die Honorare, bestimmt, was mehr wert ist: Anhören oder Abhören, Gesprächs- oder Gerätemedizin.

Das verleiht den Standesvertretern Macht. Gleichzeitig vertritt die KBV die Interessen der Ärzte gegenüber der Politik, und das sehr geschickt. Weil die Lobbyisten stets mit dem Wohl der Patienten argumentieren, wenn es um Medizinereinkommen geht, konnten sie ihre Besitzstände ohne große Mühen sichern.

Egal ob Kostensenkung oder Qualitätsverbesserung - was immer die Ministerin bisher anpackte, wurde von den Ärzten bekämpft. Nun will Ulla Schmidt deren Einfluss beschneiden und den Versorgungsauftrag von der Lobby auf die Krankenkassen übertragen. Bisher sind die Kassenarztvereine dafür zuständig, dass alle Bürger der Republik medizinisch versorgt werden. Diese Verantwortung sollen nun Stück für Stück die Kassen übernehmen und am Kartell vorbei Verträge mit einzelnen Ärzten schließen.