Nichts war ihnen hoch und kühn genug. Manche träumten davon, das Mittelmeer trockenzulegen, um Europa und Afrika zu vereinen. Andere wollten eine fliegende Stadt konstruieren, dritte einige Reihenhäuser auf dem Mars errichten. Viele Architekten planten damals mit an der Verheißung, sie wollten heraus aus der Gegenwart, hinauf in die Wundersphären einer besseren Welt. Die Jahre vor und nach dem Ersten Weltkrieg galten dem Umbruch, und die Bauvisionen liessen alles Vertraute explodieren. Das Neue begann mit Detonationen in Rot, Gelb und Blau.

In die üblichen Moderneklischees will diese Architektur nicht passen. Sie ist nicht bauhauskühl und kistig-rational, sie ist aufbrausend und überschießend, fast zwanghaft sucht sie das Zwanglose und presst es hinein in Modelle und Skizzen. Eine schöne Auswahl dieser kleinformatigen Großideen ist derzeit in Bremen zu sehen, in einer Ausstellung, die überrascht und verschreckt. Wir staunen über Architekten, die verwegen und höhenlustig drauflosfantasieren. Und zugleich gruseln wir uns vor ihrer Anmaßung, vor dem Größenwahn eines Bruno Taut, der die Alpen zum Kunstobjekt erklärte und sie mit Glasbögen und gotischen Fialen überziehen wollte. Nur mit einem "gemeinsamen Bau der Zukunft" könne man die Massen einspannen, meinte Taut und forderte "Opfer an Mut, Kraft, Blut", damit "die Langeweile verschwindet und mit ihr das verruchte Gespenst Krieg."

Kultur und Natur verschmelzen, das wollten viele Architekten. In ihren heroischen Kristalltürmen (Wenzel Hablik), den kuriosen Muschel- und Pilzhäusern (Hermann Finsterlin), den Kapellen aus Flechtwerk (Hans Poelzig) sollte die entfremdete, fortschrittsverstörte Menschheit neuen Frieden finden. Gestützt wurden viele dieser Traumgebilde von den philosophischen Konstruktionen Friedrich Nietzsches. Etliche Architekten fühlten sich von seinen Schriften aufgefordert, endlich den eigenen Willen über alles Angestammte zu stellen. "Mit Menschlichem wollen wir die Natur durchdringen und sie von göttlicher Mummerei erlösen."

Statt Gott zu huldigen, huldigte man dem Volke und plante gewaltige Versammlungshallen und Monumente. Wassili Luckhardt wollte ein Denkmal der Arbeit bauen, ein blütenbuntes Ufo, bekrönt von einer Spitze, halb Fabrikschlot, halb Kirchturm. Hans Scharoun zeichnete für Berlins Friedrichstraße ein Bürohaus, das dem Straßburger Münster ähnelt. Und durch viele Architektenhirne geisterten Dome von nationalsozialistischem Geltungsdrang, Kuppeln von 1000 Meter Spannweite, funkelnde Erdkronen für das postmonarchische Zeitalter, gläserne Hohlkörper, in denen selbst für die entlegendsten Ideen genug Platz war.

Unversehens vermischten sich kommunistische Utopien, gotische Heileweltträume und völkisches Stammesdenken. Ein Ideologiegebräu entstand, dem sich auch das freudig-wogende Paula Modersohn-Becker-Museum in der Bremer Böttcherstraße verdankt, in dem nun die Ausstellung gezeigt wird. Selbst vor nordischem Götzenkult machte man damals nicht Halt und schmückte die Fassade des Backsteinbaus, entworfen von Bernhard Hoetger, mit einer christusgleich gekreuzigten Odin-Gestalt.

Die Grenzen zwischen lodernder Zukunftsfreude und dumpfem Ahnenzauber waren fließend, nicht selten verformte das Pathos des Neuen den Menschen zum Massentier. Doch zum Glück kennt die expressionistische Moderne auch das Kindliche und macht das Entrückte spielerisch greifbar. Wunderschöne Bauklötzchen aus Holz und buntem Glas, von Architektenhand entworfen, holen das große Wollen hinab ins Irdische. Und am liebsten möchte man selber gleich monumentale Türme bauen – und im Nu wieder einstürzen lassen.

Bis zum 8. Juni; der Katalog kostet 24,- Euro