Seit hundert Jahren werden die Fassaden des Pentagon mit einer Farbe der Firma Keim aus dem bayerischen Diedorf gestrichen – doch damit soll jetzt Schluss sein. Das fordert der Abgeordnete Steve LaTourette aus Ohio, und er hat Hintergedanken: Wie kann man das Verteidigungsministerium in Washington, zudem das Kapitol und das Weiße Haus mit einem deutschen Produkt weißeln, wo sich doch der untreue Partner nicht am Irak-Krieg beteiligt?

Ähnlich der Fall der Lederett GmbH im sächsischen Sibenlehn: Sie lieferte bisher Lederfaserwerkstoff an die Firma Enefco International im Bundesstaat Maine. Schon vor ein paar Wochen erhielt sie die Mitteilung, man sei an der Abwicklung des vereinbarten 50000-Euro-Auftrags nicht mehr interessiert.

Inzwischen kursieren in den USA Listen mit den Namen deutscher Firmen, von BMW über Siemens bis zu Birkenstock, deren Produkte der gute amerikanische Bürger zu meiden habe. Konkrete Boykottmeldungen halten sich aber noch in engen Grenzen. Zum Glück, denn Amerika ist für die deutsche Wirtschaft nach Frankreich der zweitwichtigste Absatzmarkt.

Gut ein Zehntel der deutschen Exporte wird in die Vereinigten Staaten verkauft, das sind Waren und Dienstleistungen im Wert von 67 Milliarden Euro (2002). Fast ein Drittel davon sind deutsche Autos von BMW, DaimlerChrysler (Mercedes), VW/Audi und Porsche, für die der US-Markt allesamt enorm wichtig ist. Dort erzielten sie in den vergangenen Jahren einen Großteil ihrer Profite.

In guten Zeiten wäre es zu verschmerzen, wenn die Geschäfte der deutschen Wirtschaft mit ihren amerikanischen Kunden nicht florieren. Aber die Zeiten sind schlecht, da zählt jede Milliarde. Ohne die beträchtlichen Exportüberschüsse wäre die Konjunktur schon in den vergangenen zwei Jahren in die Rezession abgestürzt. 2002 war die höchst bescheidene Wachstumsrate von 0,2 Prozent ausschließlich dem Zuwachs der Exporte um 2,6 Prozent zu verdanken; denn gleichzeitig schränkten die privaten Haushalte ihren Konsum um 0,6 Prozent ein, die Unternehmen investierten gar um 6,5 Prozent weniger als im Jahr zuvor.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) zieht daraus den Schluss: "Mehr denn je stützt der Export die Beschäftigung in Deutschland." Seit Mitte der neunziger Jahre steigt die Zahl der Erwerbstätigen, die ihren Job dem Verkauf von Waren und Dienstleistungen ins Ausland verdanken. Sie liegt bei 7,7 Millionen (2001). Damit hängt hierzulande jeder fünfte Arbeitsplatz direkt am Export, 1995 war es noch jeder sechste. In einzelnen Branchen ist dieser Anteil noch bedeutend höher, zum Beispiel beim Maschinenbau und in der Automobilindustrie, wo jeweils zwei von drei Erwerbstätigen allein für die Ausfuhren arbeiten.

Neben den Käuferstreiks in Amerika könnte deutschen Unternehmen noch eine weitere Form des Boykotts beträchtliche Sorgen machen: Wenn es an den Wiederaufbau des Iraks geht, wird Washington alles tun, um die Aufträge zuerst an die amerikanische Wirtschaft und dann an Unternehmen in den Ländern der "Koalition der Willigen" zu vergeben. Wie viel der Wiederaufbau der Kriegsregion eines Tages kosten wird, ist natürlich noch ungewiss.

Doch erste Schätzungen übersteigen bereits 100 Milliarden Dollar für die nächsten fünf Jahre. Die deutsche Bauwirtschaft rechnet nicht damit, dass sie in den Genuss von Aufträgen kommen wird, obwohl sie bis zum ersten Golfkrieg 1991 im Irak sehr präsent war. Beschlösse allerdings die Bundesregierung, sich finanziell am Wiederaufbau zu beteiligen, könnte sie dafür sorgen, dass zumindest ein Teil der Steuergelder in die Kasse deutscher Unternehmen fließt.