George W. Bush stand nur ungefähr einen Meter vor dem Fernsehgerät in seinem Wochenendhaus in Camp David. Er schien jedes Detail der Berichterstattung über den Irak-Krieg aufzusaugen. Als der TV-Reporter kundtat, der Präsident der Vereinigten Staaten "hängt nicht am TV", das wisse er aus dem Weißen Haus, da musste der Präsident herzlich lachen. So erzählt es jedenfalls sein Freund Roland Betts. In Wirklichkeit sei Bush "völlig versunken" gewesen in den Nachrichten, sagt Betts, der das ganze Wochenende mit ihm in Camp David verbracht hatte. Immer wenn ein Bericht den Präsidenten erwähnte, habe er Condoleezza Rice in einem anderen Haus des Camp-David-Komplexes angerufen, sie solle doch mal schnell den Sender einschalten. Die Sicherheitsberaterin sieht den Präsidenten morgens als Erste. Gegen sechs Uhr präsentiert sie ihm bereits die Lageberichte. Dabei dürfte es auch um das Standing ihres Chefs gehen, um die neuesten Umfragen, um seine Zustimmungswerte, um sein Bild in der Öffentlichkeit.

Verbrieft ist das allerdings nicht. Das Weiße Haus von George Bush gilt als ziemlich "dicht". Nur wenige Interna dringen an die Öffentlichkeit. Bei seinem Vorgänger war das anders. In den acht Amtsjahren von Bill Clinton sprudelten die Informationen nur so. Alles kam ans Licht der Öffentlichkeit. "Leaks", undichte Stellen, waren zur Zeit Clintons eine Selbstverständlichkeit. Die Frage war lediglich, wer der erste Reporter sein würde, der mit der Meldung aus "gut informierten Quellen" aufwartete. Bekannt wurde dabei auch das gesamte System der Meinungsumfragen. Wie werden sie interpretiert, wie in praktische Politik umgesetzt? Es kam auch heraus, dass "leaks" bewusst geöffnet werden, Informationen, ob richtig oder falsch, mit Absicht gestreut werden. Alles beginnt mit "focus groups" , in denen die Gedanken der Wähler erforscht werden. "Spin doctors" interpretieren die Politik für die Medien, erklären den Reportern – gern auch "vertraulich", das macht es interessanter –, wie sie ihren Präsidenten zu sehen haben. "Image maker" nehmen Einfluss auf die Reden, proben mit dem Präsidenten TV-Auftritte. Clinton befahl, nachdem er auf diese Weise den Puls der Nation gefühlt hatte, den Rückzug aus Somalia, als 18 Soldaten der Elitetruppe Delta Force in Mogadischu gefallen waren. Er ordnete den Einsatz in Bosnien an, nachdem die Bilder von Opfern des Massakers von Srebenica im amerikanischen Fernsehen gezeigt worden waren. Und er ließ Bagdad bombardieren, just als die Affäre mit Monica Lewinsky ihm "schlechte Zahlen" lieferte.

Über Bush ist nichts von einer solchen Abhängigkeit von der öffentlichen Meinung zu hören. Er schlafe trotz aller Anspannung gut, heißt es, und er versuche seine Jogginggeschwindigkeit zu steigern. Oder versteht er es nur, den Eindruck zu erwecken, er sei völlig unabhängig von Meinungsforschung? Im Herbst vergangenen Jahres zog er sich mit dem Buch Supreme Command – Soldiers, Statesmen and Leadership in Wartime des Strategieprofessors Eliot Cohen nach Camp David zurück. Cohen erklärt darin, wie sich ein oberster Kommandeur in Kriegszeiten zu verhalten habe. Erstens: Du sollst ein klares Kriegsziel haben. Zweitens: Du darfst nicht kapitulieren. Drittens: Kümmere dich um Details der Kriegsführung. Viertens: Übe dich in Zurückhaltung – nur wer den Krieg verabscheut, gewinnt ihn. Fußnote: Colin Powell, der Militär, nicht Bush Senior, der Politiker, habe den Feldzug 1991, den ersten Irak-Krieg, vorzeitig abgeblasen. George Bush Junior soll sich dieses Buch sehr zu Herzen genommen haben. All diese Informationen über den Präsidenten werden natürlich auch von seinen Beratern ausgestreut – gezielt. Sie sollen ihn in einem bestimmten Licht erscheinen lassen. Gelassen, gottesfürchtig, sich seiner Verantwortung bewusst, aber eben auch entschlossen und unzweifelhaft moralisch legitimiert – und auf keinen Fall abhängig von Gefühlsschwankungen, wie sie eine Abhängigkeit von täglichen Umfrageergebnissen nahelegen würde.

In der Mediengesellschaft, in der Image mindestens ebenso wie Inhalt über eine politische Karriere entscheidet, wird indes nichts dem Zufall überlassen. Es wäre unsinnig anzunehmen, George W. Bush klebe nicht auch an den Zahlen. Bevor er Präsident wurde, hatte er sich über Nacht in einen compassionate conservative verwandelt, einen Konservativen mit Mitgefühl. Denn die Wahlforscher der Republikaner hatten herausgefunden, dass weibliche Wähler besonders auf Werte wie Fürsorge und Zukunftschancen achten.

Jetzt, unmittelbar nach Kriegsbeginn, sah das Gallup-Forschungsinstitut einen ungeheuren Meinungsumschwung zugunsten des Präsidenten. Vor dem 22. März waren nur 38 Prozent der befragten Amerikaner mit der Haltung der politischen Führung zufrieden. 61 Prozent waren unzufrieden. Am Tag danach aber: 60 Prozent zufrieden, nur noch 38 Prozent unzufrieden. Noch besser waren die Zahlen bei der Frage nach Bush’s job performance: 71 Prozent meinten, er leiste gute Arbeit, nur 25 Prozent verneinten das. Die Meinungsforscher sprechen jetzt zwar von dem altbekannten rally around the flag -Phänomen – in Kriegszeiten scharten sich die Amerikaner eben um ihren Präsidenten. Aber ein Vergleich mit früheren Kriegen zeigt: Noch nie hat ein Präsident zu Kriegsbeginn bei den persönlichen Zustimmungswerten einen solchen Sprung nach vorn gemacht. Kennedy nicht, Johnson nicht, nicht einmal Reagan. Bush werden diese Ergebnisse bestimmt nicht verborgen geblieben sein.