Leo Kirch hat vor einem Jahr sein altes Leben mit einer Unterschrift beendet. Er, der mächtigste Medienunternehmer des Landes, musste einen Antrag auf Eröffnung eines vorläufigen Insolvenzverfahrens stellen. 1502IN879/02, dieses Aktenzeichen beim Münchner Amtsgericht dokumentiert, wogegen er bis zuletzt angekämpft hat: Seine Kirch-Gruppe wurde von Schulden und Forderungen in Milliardenhöhe niedergedrückt.

Das war am 8. April 2002.

Seither haben die Insolvenzverwalter der Kirch-Firmen, allen voran der Anwalt Michael Jaffé, das Lebenswerk Stück für Stück verkauft: das Bezahlfernsehen Premiere, den Sportrechtehandel und die Anteile an der Filmproduktionsfirma Constantin AG. Auch die Verträge über die größten Werte – die Fernsehsender ProSieben, Sat.1, Kabel und N24 sowie die Filmbibliothek – sollen in den kommenden Tagen und Wochen in Kraft treten.

Und was ist aus Leo Kirch geworden? Obwohl der Filmhändler Milliardenschulden hinterließ, gibt es kein Anzeichen dafür, dass die Banken direkte Forderungen an ihn stellen. Oder dafür, dass er sein privates Vermögen verloren hätte. Stattdessen heißt es aus seinem Umfeld, er prüfe in seinem Münchner Stadtbüro in der Kardinal-Faulhaber-Straße15 das eine oder andere neue Projekt.

Geschützt hat ihn die gesellschaftsrechtliche Struktur seines früheren Unternehmens. Es firmierte als GmbH & Co. KG und sorgte für eine eindeutige Rollenverteilung. Im Fall einer Pleite verlieren die so genannten Kommanditisten ihr eingetztes Geld, müssen aber nicht für die Schulden des Unternehmens aufkommen. Anders der so genannte Komplementär. Er trägt die ganze Last. Doch hat es im Fall der Kirch-Gruppe keine natürliche Person – also etwa Leo Kirch – getroffen. Als Komplementär wurde eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) eingesetzt, die eben nur in Höhe ihres ausgewiesenen Vermögens haftet. So kommt es, dass letztlich die Gläubiger auf einem großen Teil ihrer Milliardenforderungen sitzen bleiben.

Leo Kirch dagegen könnte neu anfangen. Trotz seines hohen Alters von 76 Jahren ist und bleibt er ein leidenschaftlicher Unternehmer und hat es allen Zweiflern schon dadurch bewiesen, dass er im vergangenen Herbst den Versuch unternahm, seinen früheren Sportrechtehandel aus der Insolvenzmasse zurückzukaufen. Er scheiterte zwar, weil andere mehr geboten haben. Gleichwohl war es für Kirch offensichtlich kein Problem, mehrere hundert Millionen Euro aufzubringen, um in den Kreis der ernsthaften Bieter aufgenommen zu werden. Nach Angaben von Vertrauten rührt sein angesichts der Milliardenpleite unerwartet großer finanzieller Spielraum aus einem Immobilienvermögen. Er habe es in seinen erfolgreichen Jahrzehnten in München, in Berlin und auf Rügen erworben.

Noch mehr Kirch-Kapital vermuten Münchner Staatsanwälte in Liechtenstein und der Schweiz. Sie gehen dem Verdacht nach, Leo Kirch unterhalte dort eine Schwarze Kasse, womit auch klar wird, was einen Neustart des Unternehmers Kirch behindern könnte: die Justiz. Schon in zwei Fällen ermitteln die Staatsanwälte. In einem dritten prüft Insolvenzverwalter Kurt Bruder, der Kirchs ehemalige Konzern-Holding abwickelt, ob er noch Ansprüche gegen den Filmhändler geltend machen kann. Aber der Reihe nach.

Die Schweiz-Connection: Im vergangenen Dezember überwies die bis dahin unbekannte Faller Stiftung rund 121 Millionen Euro auf ein Schweizer Konto der Kirchschen Formel Eins Beteiligungs GmbH, wie das Manager Magazin schreibt. Das Geld diente zur Ablösung eines Kredits, den die Bank Crédit Suisse für die Finanzierung von TV-Rechten an den Autorennen gegeben hatte. Weil die Staatsanwaltschaft in München vermutet, dass hinter der Faller Stiftung am Ende Leo Kirch steckt, der auf diese Weise einen Teil seines Vermögens vor dem Finanzamt versteckt, hat sie ein Rechtshilfeersuchen formuliert. Wenige Wochen später durchsuchten Schweizer Amtskollegen die Crédit Suisse, die den Kredit gab und das besagte Konto führte. Sie nahmen Unterlagen in mehreren versiegelten Kartons mit, durften sie allerdings nicht öffnen, weil die Bank sofort Rechtsmittel einlegte. Ein Richter wird nun entscheiden, ob er den Schweizer und den deutschen Staatsanwälten erlaubt, in den Unterlagen nach Hinweisen auf den Hintermann der Faller Stiftung zu suchen.