Hinter der blauen Metalltür lugt Sebastian Kneipp hervor. Irgendjemand hat die Gipsbüste dort auf dem Laborboden abgestellt. Ein wenig achtlos, als wisse man nicht genau, wohin mit ihm. So taugt der kantige Pfarrerskopf allenfalls als Türstopper, wenn’s mal zieht.

Dabei werden am modernsten Produktionsstandort der Kneipp-Werke in Ochsenfurt in der Nähe von Würzburg die Ideen des Wörishofener Gesundheitspfarrers ins neue Jahrtausend transportiert: "Kräuter zu allem nutzen, was uns gut tut." So schrieb’s der alte Kneipp vor fast 120 Jahren, und in diesem Sinne rotieren auch heute noch die cremefarbenen Dragee-Maschinen, die aussehen wie riesige Lostrommeln.

Phytotherapie, die Kräuterkunde, ist eine der Säulen im Kneippschen Kurkonzept. Die Umweltbewegung hat der sanften Medizin, die Sebastian Kneipp im 19. Jahrhundert wiederentdeckt hatte, in den achtziger Jahren eine Renaissance beschert. Genauso wie das Misstrauen gegenüber den Heilungskräften der Chemie. Dass man mit sanfter Medizin Tuberkulose in Eigentherapie heilen kann, wie es der Legende nach dem jungen Kneipp gelungen sei, glaubt heute niemand mehr. Umgekehrt ist aber bei eingefleischten Schulmedizinern die Wirkung von Lindenblüten und Kamille bei Husten und Halsschmerzen anerkannt.

In den Werkhallen des Wohlbefindens duftet es angenehm. Mal ein wenig nach Lavendel, mal mehr nach Rosmarin. Und in der Lagerhalle, in der Essenzfläschchen und Badesalzpackungen auf die Auslieferung warten und Säcke mit Trockenkräutern auf ihre Verarbeitung, riecht es derart intensiv und wild durcheinander, dass trotz der nüchternen Lagerhallenatmosphäre bald Bilder des letzten Provence-Urlaubs aufsteigen.

"So riecht die frische Natur", sagt Roland Heller, ein freundlicher Herr im Apothekerkittel. Der Herstellungsleiter ist dafür verantwortlich, dass möglichst viel von dieser frischen Natur haltbar gemacht wird und beim Kunden zu Hause ankommt. Etliche hundert Tonnen Kräuter werden jährlich gehäckselt, pulverisiert und verarbeitet.

Sie stammen von den ausufernden Kräuterfeldern der Umgebung, wo um diese Jahreszeit die ersten Triebe sprießen. Im Juni, wenn Eibisch und Tausendgüldenkraut in voller Blüte stehen und der Duft von Arnika und Ringelblume über die Felder weht, werden Blätter und Blüten geerntet. Nach Engelwurz wird im Spätherbst gebuddelt. Der Zeitpunkt der Ernte muss bei jedem Heilkraut wohl gewählt sein, nämlich dann, wenn der Wirkstoffgehalt am höchsten ist. Das ist nicht unbedingt bei Vollmond der Fall, wie man früher glaubte, auch wenn die Kühle des Abends die geernteten Kräuter länger vor dem Austrocknen bewahrt.

Mancher Flecken in Oberfranken, wie Schwebheim, lebt seit mehr als hundert Jahren vom Kräuteranbau und dem, was er an Kneipp verkauft. Verlässliche Partner seien das, sagt Herr Heller, die da- rauf achten, dass keine Pestizide die zarten Pflanzen verderben. Pflichtbewusst vermerken sie alle Schritte von der Aussaat bis zur Ernte in einer so genannten Schlagkartei. Das garantiere den hohen Qualitätsstandard. Inzwischen liefern die Kräuterbauern ihre Ware schon getrocknet und grob vorgeschnitten, so kann sie nicht verderben. Leichter weiterverarbeiten lässt sie sich dann außerdem.

Bei Kneipp sind chemische Zusatzstoffe tabu. Im Werk in Ochsenfurt werden die Kräuter in drei Schritten zu Pillen und Dragees gepresst. Die grob geschnitten Kräuter werden feingehackt, danach zu Pulver verarbeitet. Dieses Pulver wird in einem aufwändigen Verfahren veredelt und zu Dragees gepresst. Johanniskraut gegen Niedergeschlagenheit und Weißdorn fürs Herz. Selbst das Trennmittel, ein Puder, das auf die Dragees aufgebracht wird, damit sie nicht zusammenklumpen, ist pflanzlich. Aus natürlichen Kräuterauszügen wird Badezusatz und Massageöl angerührt: Wacholder gegen müde Beine, Eukalyptus für eine freie Nase, ganz wie es Sebastian Kneipp gelehrt hat.

Getrocknete Kräuter und echte Pflanzenauszüge statt naturidentischer – sprich chemischer – Bestandteile, das sei ein Unterschied wie der zwischen frischem Bohnenkaffee und maschineller Instantbrühe, sagt Roland Heller und streicht über seinen korrekt gestutzten Schnurrbart. Nach Kaffee schmecke beides, genießbar sei es auch, meint er und grinst – mehr oder weniger jedenfalls.

In den blanken Metallkesseln werden im Werk morgens Kamillensalbe und abends Gesichtscreme angerührt, ganz wie es Nachfrage und Saison verlangen. Schwappt plötzlich eine Grippewelle über das Land, werden im Kneipp-Werk Sonderschichten fürs Erkältungsbad gefahren. Und das, sagt Roland Heller, ist dann die Kehrseite der Natürlichkeit. Verderbliche Ware lässt sich nämlich nicht lange lagern.

Gemischt und gerührt wird voll automatisch, präzise und natürlich absolut keimfrei. Die Rezepte hängen neben den Schaltpulten: Dass Glycerin, Karamell und Mandelöl auch im richtigen Verhältnis angerührt werden und so die Mandelblütenmilch in gewohnter Hautzart-Qualität entsteht, das überprüft ein Mitarbeiter in weißem Kittel und mit Hygienehaube auf dem Kopf. Er führt das Herstellungslogbuch und bürgt mit seiner Unterschrift.