Die Zeit: Herr Lanzmann, Ihr Film erzählt die Geschichte von Joshua Lerner, der 1943 beim Aufstand im Vernichtungslager Sobibor zum ersten Mal in seinem Leben getötet hat. Sie haben Lerner 1979 während der Dreharbeiten zu Shoah kennen gelernt. Warum sind Sie erst im Abstand von 20 Jahren auf seine Erzählungen über Sobibor zurückgekommen?

Claude Lanzmann: Ich wusste von Anfang an, als ich ihn getroffen hatte, dass seine Geschichte unbedingt erzählt werden muss. Aber ich habe in der Zwischenzeit viele andere Projekte verfolgt und musste auch erst Geld und einen Produzenten finden. Vor allem aber wollte ich Lerner aus der Vernichtungsgeschichte herauslösen. Er war nicht das wehrlose Opfer, sondern er hat den Tod getäuscht. Deshalb musste er seine eigene Erzählung bekommen. Es ist die Geschichte eines schier unglaublichen Lebenswillens. Dieser Mann war zuvor aus acht anderen Lagern geflüchtet, bevor er nach Sobibor gebracht wurde.

Zeit: Wie sind Sie auf Lerner gestoßen?

Lanzmann: Überlebende hatten mir von ihm erzählt und mich gedrängt, ihn zu besuchen. Ich traf ihn am letzten Tag meiner Dreharbeiten zu Shoah in Israel. Nach den sehr schwierigen Arbeiten waren meine Mannschaft und ich sehr erschöpft. Ich hatte bereits ein Rückflugticket für den nächsten Tag in der Tasche. Wir hatten kaum noch Film in der Kamera und auch kein Geld mehr, um neuen zu kaufen. Am Anfang der Begegnung war Lerner sehr müde und hatte keine Lust zu sprechen. Dann jedoch erhitzte er sich jede Minute mehr und kam schnell auf die Revolte zu sprechen. Aber ich konnte das nicht als Rohmaterial bringen, es sollte ein Film werden. Deshalb war ich gezwungen, an die Schauplätze zurückzukehren. Das war eine ungeheuer schwere Entscheidung für mich. Ich kenne diese Orte in Polen und Weißrussland mittlerweile besser als jeder Historiker.

Zeit: Waren Sie überrascht, als Sie auf Lerner und seine Geschichte trafen?

Lanzmann: Nein. Ich wusste, dass es solche Menschen gab, die für das stehen, was ich einmal die Wiederaneignung der Kraft und Gewalt durch die Juden genannt habe. Ich wollte ihre innere Entscheidung zur Revolte nachvollziehen: die Organisation, Planung und Imagination, die dafür nötig war. Man muss sich einmal vorstellen, dass die gesamte Vorbereitung für den Aufstand nur sechs Wochen gedauert hat. Es ging mir auch darum zu zeigen, welche Erfahrungen diese Leute mit Waffen hatten. Es gab ja viele jüdische Soldaten in der Roten Armee, von denen 1250 nach Sobibor gebracht worden waren. Die Deutschen wählten 60 von ihnen für den Arbeitsdienst aus, der Rest wurde sofort vergast. Auch unter den Ermordeten hätten sich viele an der Revolte beteiligen können.

Zeit: Haben Sie seitdem wieder Kontakt mit Lerner gehabt?