Die Nasa hat kürzlich ein Foto veröffentlicht, das 13,7 Milliarden Jahre in die Vergangenheit zurückblickt. Da das Licht so lange bis zu uns unterwegs war, lässt sich dort das Universum im zarten Alter von 380000 Jahren betrachten. Was ließe sich mit diesen 13,7 Milliarden Jahren nicht alles anfangen! Der Ethikrat unternimmt eine Gedankenreise zu den Anfängen der Zeit.

Wenn dieser Ethikrat seine Arbeit getan hat, dann begibt er sich in philosophisch besonders klaren Nächten mit Vorliebe auf Bergeshöhen. Den bestirnten Himmel über sich, erfreut er sich der Harmonie von Innen und Außen, des Gleichklangs der mit den Sternen gleichsam über dem Raum stillstehenden Zeit. Er fühlt sich dann wie der Grieche Anaxagoras vor zweieinhalbtausend Jahren, der das Geborensein dem Nichtgeborensein vorzog, weil er den ganzen Kosmos betrachten wollte. Mit dem Kirchenvater Augustinus weiß er in diesem Moment, wo niemand ihn fragt, was die Zeit sei, ganz genau, was sie ist. Und mit Zen-Meister Dôgen und mit dem onthologischen Geläute jenes Meßkircher Mesnerbuben Heidegger, der zum Todtnauberger Buddha wurde, weil er beharrlich nur auf einen, auf seinen Stern zuging, murmelt er klar blickend sein Mantra: SeinZeit, SteinSein.

Manchmal aber erfasst ihn gerade in solchen Momenten jenes Schwindelgefühl, das er als Fachmann für Orientierungsfragen gar nicht liebt. Im Schweigen der unendlichen Räume, der Unabsehbarkeit der Zeit geht er sich selbst verloren. Dann denkt er wie der toll gewordene Gottesmörder Nietzsche an die Sterne, die nur noch leuchten, weil ihr Licht uns immer noch erreicht, obwohl sie längst untergegangen sind. Dann sieht er sich von dem Halbnomaden aus Meßkirch in ein verzeitlichtes Sein geworfen, in dem ihm nur noch das Vorlaufen zum gewissen Ende bleibt. Dann stöhnt er unter den metaphysischen Ketzereien jenes Mannes auf, der Günther Stern hieß, aber sich Anders nannte, und der das singuläre Universum als Garanten der kontinuierlichen einen Zeit, in ein "Pluri-", ja "Multiversum" zerschlug – die kosmische Trümmerlandschaft einer mit den Räumen explodierenden Zeit.

Und er wäre, anders als Anaxagoras, geneigt, in einem der schwarzen Löcher zu verschwinden, aus dem nicht einmal die Information über seinen Gravitationskollaps nach außen dränge – wenn, ja wenn ihn nicht beizeiten jenes bislang beste aller möglichen Bilder erreicht hätte: das "Babybild des Universums".

Der Nasa-Satellit MAP hat es im Februar 2003 aufgenommen. Dabei blickte er 13,7 Milliarden kosmobiografische Jahre zurück, auf eine Zeit, in der das Universum erst etwa 380000 Jahre alt war. Das Bild ist entsprechend schön, das Rührende aller Babybilder geht von ihm aus. Um so unabweisbarer stellt sich dem Ethikrat die Frage, welchen Rat er dem Baby-Universum in der Frühe der Zeit mitgegeben hätte.

"Wachse nicht zu schnell! Werde nicht zu groß!", hätte er gesagt, vielleicht gar: "Stelle das Wachsen möglichst bald ganz ein", wie sein Kinderfreund Oskar Matzerath. "Bleib wie und wer du bist!", "Bleib ein liebes Kind!" Kurz und gut: "Bleib im Sandkasten des Universums!"