Jeden Morgen gegen halb neun lässt sich im Kriminalgericht Moabit das große Warten nieder. In der schummrigen Eingangshalle klebt seit sechs Monaten das Plakat mit dem rekonstruierten Kopf des unbekannten Toten, der hoffnungslos seiner Identifizierung harrt. In den Glaskästen hängen die täglichen Termine aus, so gleichgültig gleichmäßig, dass es immer wieder die alten zu sein scheinen. Der Ort, wo Schuld mit Lebenszeit bezahlt wird, geht diskret um mit seinen Schuldnern: ein Name, eine Uhrzeit, ein Zeichen. Das Delikt ist für Laien nicht erkennbar. In den Nischen vor den Verhandlungssälen sitzen Beschuldigte, Zeugen und Zuschauer; ganze Familien, Teile türkischer Kinder-Gangs, halbe Betriebsbelegschaften. Kalter Rauch steht zwischen ihnen wie ein übel riechender Angeklagter, dessen Name niemals aufgerufen wird. Schlichte Justizmenschen, nicht Schicksals-, sondern Aktenergebenheit im Blick, schieben mit strebsam rausgestreckten Hinterteilen blecherne Wagen voller Papierhaufen durch die Gänge. Rosa Pappmappen umfassen Schriftstücke, die noch auf der Schreibmaschine getippt wurden, hinfälliges Durchschlagpapier, verbüßte Strafen, alte Vorgänge.

"In der Strafsache gegen Consuela Breitner und Janin Müller die Prozessbeteiligten bitte eintreten!" Zwei Frauen drücken ihre Marlboros aus und nehmen vorm Richter Platz, die eine mit rot gefärbtem Haar, die andere blondiert, so rot und so blond es geht. Ihre Stimmen sind tief, die Gesichter bleich, sie spiegeln die Erfahrung: Das Leben ist hart, die Männer sind schlecht. Deshalb haben sie sich ineinander verliebt, sind mit ihren Kindern zusammen in eine Vierzimmerwohnung gezogen und haben sich bei Versandhäusern viele schöne Dinge unter vielen falschen Namen bestellt. Haarschneider, Christbaumkugeln, Negligés, Handtaschen, Goldketten und Faschingsperücken. Wenn Lieferung anstand, klebten sie einen Zettel mit dem erfundenen Namen an die Wohnungstür, für die Rechnung gab es dann keine Adresse mehr. Näherin und Serviererin, beide ohne Arbeit, nahmen am Wohlstand illegal und fröhlich teil. Irgendwann kam der Schwindel raus, die Freundinnen wurden verklagt.

Janin, die Rothaarige, sitzt zurzeit wegen einer anderen Sache im Gefängnis; die neue Klage könnte ihren Aufenthalt ausdehnen, dann müsste Consuela noch länger auf ihre Geliebte warten. Deshalb nimmt sie alle Schuld auf sich. Ich war’s, sagt sie, ich habe das Zeug bestellt, ich allein, Frau Müller hat davon nichts gewusst, die Mahnschreiben der Versandhäuser habe ich immer gleich zerrissen. Sie sind sich bewusst, dass Sie hier alles auf sich nehmen?, fragt die Richterin nach. Das ist mir klar, bestätigt die Frau mit dem ausrasierten Nacken und dem groben, weiten Sweatshirt; ihr entschlossenes Knabenprofil sieht stolz aus. Es ist ein heldenhafter Moment in ihrem Leben, vielleicht der Einzige, sie ist eine mannhafte Frau. Und Sie, Frau Müller? Wie Consuela sagt, ich habe nichts gewusst, reicht ja, dass ick bereits in Haft bin.

Janin Müller wird freigesprochen und geht zurück ins Gefängnis. Consuela Breitner, der zugute gehalten wird, dass sie ein volles Geständnis ablegte, nimmt eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf drei Jahre Bewährung entgegen, sie darf sich in dieser Zeit nichts zuschulden kommen lassen, nicht mal ohne Fahrschein mit der Straßenbahn fahren. Dafür muss sie nun nicht mehr lange warten auf Janin.