Sie waren immer in seiner Nähe, der Übervater und der Nebenbuhler - am nächsten, wenn er am Komponiertisch saß. Dem Ersten zollte er Ehrerbietung und schrieb seinen Namen oft in Noten nieder: B-A-C-H. Dem anderen, Max Reger (wohnte ebenfalls in Leipzig, sogar in derselben Straße), machte er die Vermählung mit der Orgel streitig, der Königin der Instrumente. Er selbst hielt sich für ausersehen, ihr kühnster Bräutigam zu werden: Sigfrid Karg-Elert (1877-1933).

Mit einem Bein stand Karg-Elert im rostigen Gleis zurück zu Bach, mit dem anderen im Futur der Musik. Er riskierte orchestrale Klangwechsel von verblüffender Direktheit und erfand irrwitzigreizvolle Harmonien, in denen die Tristan-Chromatik dem Impressionismus Debussys, dem Mystizismus Skrjabins und sogar dem Jazz begegnet. Zuweilen sitzt die Musik auch im strengen Gestühl der Gregorianik. Fast possierlich mutet neben solcher Erlebnisvielfalt Karg-Elerts Verhaftung in der Welt historischer Formen an, in Fuge, Variation, Passacaglia und Chaconne. Nicht nur auf diesem Terrain war ihm der erfolgreiche Max Reger ein Konkurrent, der die Situation indes freundlichkollegial begriff. Karg-Elert hingegen streute Sottisen aus und tadelte an Reger die "sinnlosen, wüsten, nie richtig durchgearbeiteten Orgelsachen". Der Komplex saß tief. Vielleicht wirkt Karg-Elerts Musik deshalb so genialisch, weil sie unter dem schmerzenden Druck des Neids entstand.

Sein wenig bekanntes Orgelschaffen wird derzeit von zwei unterschiedlichen Positionen geborgen. Der Schwede Hans Fagius hat die späte fismoll-Symphonie, den Symphonischen Choral über ,Jesu meine Freude' und eine Hand voll kleinerer Stücke an der Frobenius-Orgel in der Kathedrale zu Aarhus aufgenommen: klärendes Spiel aus dem Geist des Barock, luftige Linienführung.

Das Delta musikalischer Überflutung wird trockengelegt. Eine schöne, etwas abstrakte Aufnahme für Leute, die jenen mächtigen Übervater in Karg-Elerts unruhiger Seele rumoren hören wollen (BIS 1184, Vertrieb: Klassik Center Kassel).

Fagius' deutsche Kollegin Elke Völker hingegen sucht schier raubkatzenhaft das Duell mit einer gründerzeitlichen Titanenmusik - und sie gewinnt es fulminant an der romantischen Sauer-Orgel im Dom zu Bremen (Aeolus 10171, Vertrieb: audiophile sound, Witten). Die Drei sinfonischen Kanzonen op. 85 spielt sie mit einer improvisatorischen Unmittelbarkeit, einer brennenden, hoch virtuosen Energie, dass man vor ihr (der Orgel) fast in die Knie geht.

Und in Passacaglia und Fuge über B-A-C-H staffelt Völker die Musik dermaßen als bizarr bewegte Form, dass man am Ende betrübt zur Kenntnis nimmt, dass Sigfrid Karg-Elert so vieles konnte - nur keine guten Schlüsse komponieren.

Ein wunderlicher Typ.