Washington

Spaziergang". Welch ein Wort. Es stammt von Kenneth Adelman, Mitglied des Beratergremiums von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Ausgesprochen im vergangenen Sommer, als die Welt vom "Spaziergang" in den Irak überzeugt werden musste. "Kartenhaus" ist auch so ein Wort. Richard Perle, bis zur vergangenen Woche Vorsitzender des besagten Beraterkreises, hat es ausgesprochen. Beim "ersten Hauch von Kanonenpulver" werde das Regime von Saddam Hussein "wie ein Kartenhaus" zusammenfallen. Und noch ein Wort: "Befreier". Amerika werde als "Befreier" empfangen. Richard Cheney hat das gesagt, der Vizepräsident, und zwar noch wenige Tage vor dem Angriff. "Eher Wochen als Monate" werde der Krieg dauern, ließ Cheney wissen. © ZEIT-Grafik

Gerade einmal zwei Wochen danach ist in Washington ein großer Katzenjammer ausgebrochen. Der Vormarsch im Irak stockt, die Versorgungslinien sind unter Feuer geraten, es mangelt an der Front zeitweise an Sprit und Essen. Dutzende von Amerikanern sind gefallen, und täglich werden es mehr. Eher Wochen als Monate? Gerade erfährt die staunende Öffentlichkeit aus dem Munde eines Feldkommandanten, es könnten noch Wochen vergehen, bis man auf dem Weg nach Bagdad endlich das Städtchen Nadschaf erobert habe.

Ein Spaziergang? "Die ursprüngliche Strategie war, so schnell wie möglich nach Bagdad zu gelangen, das Regime auszuwechseln, Hilfsgüter ins Land zu schaffen und den Sieg zu erklären", höhnt von der Front aus ein anonymer Heeres-General in der Washington Post. "Nun wird es länger dauern."

Ein Kartenhaus? Saddam Hussein, dead or alive nach den Bombenangriffen der ersten Kriegsstunden, steht im Begriff, über die Grenzen seines Landes hinaus Ruhm als Feldherr zu erringen. Und seine Truppen, weit davon entfernt, führerlos zu agieren, nötigen den Amerikanern ob ihres erbitterten Widerstands wenn nicht Hochachtung, dann doch Respekt ab.

Schon werden die kleineren Verbündeten nervös. "Ich denke, sie haben die Rolle der Milizen in den kleinen Städten und Ortschaften unterschätzt", beschwert sich Robert Hill, der australische Verteidigungsminister (2000 Soldaten im Irak). Und in Warschau meldet sich sein polnischer Kollege Jerzy Szmajdzinski (200 Soldaten im Irak) zu Wort. "Die Kampagne hat spät begonnen", sagte er bei einer Pressekonferenz, "vielleicht zu spät."

Derweil tobt in Washington der Kampf um die Folgen des Triumphalismus. Es gebe doch nur ein paar "Inseln des Widerstandes", sagt Richard Perle. Und warum geht der Vormarsch vorerst nicht weiter? "Wegen des Verrats der Türken", schreibt Charles Krauthammer, einer der Journalisten aus dem Washingtoner Falkenhorst. Warum wurde die US-Armee bisher nicht als Befreier begrüßt? Eines weiteren "Verrates" wegen, wie der Internet-Kolumnist Andrew Sullivan schreibt. Bush senior habe die Iraker 1991 nach dem Golkrieg zum Aufstand aufgefordert und sei ihnen dann nicht zu Hilfe geeilt: "Vielleicht haben wir die psychologischen Folgen dieses brutalen Verrates unterschätzt."

Und die Verluste? "Die Amerikaner werden noch mehr Verluste hinnehmen", meint William Kristol, als Chefredakteur des Weekly Standards eine wichtige Stimme im Camp der Kriegsbefürworter. "Aber was sie nicht ertragen werden, ist Mehrdeutigkeit oder gar Niederlage".