Er gehörte zu jener Gattung amerikanischer Politiker, die heute schmerzlich vermisst werden. Liberal und visionär, mitfühlend und weltgewandt verkörperte Daniel Patrick Moynihan auf beeindruckende Weise das historische Versprechen der Neuen Welt. Der Tod des 76-Jährigen am Mittwoch vergangener Woche ruft das Amerika in Erinnerung, das im Zorn über den Irak-Krieg nicht vergessen werden sollte.

Als Mitglied des US-Senats über fast ein Vierteljahrhundert und als Berater von vier Präsidenten bewies Moynihan Tugenden, die nicht nur in den Vereinigten Staaten selten geworden sind. Er bezog Stellung, ohne sich dem Zeitgeist anzudienen, und er trat für die Benachteiligten ein, ohne sie aus der Pflicht zur Selbstverantwortung zu entlassen. Vor allem aber bestach der Politologe und Sozialwissenschaftler durch einen Intellekt, der mit gesundem Menschenverstand gepaart war. Diese Begabung ermöglichte es dem Sohn einer armen irischen Familie, sich zu Eliteuniversitäten durchzuboxen, zu einem Star der akademischen Szene zu werden und in den robusten Bruderkämpfen der Demokratischen Partei New Yorks, seiner politischen Basis, zu bestehen.

Seine vielfältigen Interessen und Kenntnisse machten Moynihan zu einem begehrten Ratgeber der Präsidenten jeder Couleur. Er diente John F. Kennedy und Lyndon Johnson ebenso wie Richard Nixon und Gerald Ford. Eitelkeit mag seine politische Farbenblindheit gefördert haben, Opportunismus sicher nicht, denn auch im Weißen Haus versteckte er seine Meinungen keineswegs.

Der Gelehrte als Politiker musste im antiintellektuellen Klima der öffentlichen Auseinandersetzung stets auf Kälteschocks gefasst sein. Sein Aphorismus von der "gütigen Vernachlässigung" (benign neglect) der Rassenfrage gilt vielen bis heute als ein Sakrileg. Dabei wollte der unbeirrbare Anwalt der Bürgerrechte mit seinem Wort das Integrationsproblem nur aus den Fängen "der Hysteriker, Paranoiker und des Packs" befreien, die Amerikas Schicksalsdebatte in den siebziger Jahren beherrschten.

Mit einer seiner letzten Stellungnahmen bewies der streitbare Denker im vergangenen November noch einmal seine Scharfzüngigkeit und seinen kühlen Verstand. Als Mitunterzeichner einer Antwort Amerikas auf ein Protestschreiben von über 100 deutschen Intellektuellen gegen das US-Engagement in Afghanistan bescheinigte er den Kritikern "moralische Blindheit": Sie hätten den Tod afghanischer Zivilisten durch amerikanische Bomben mit der Ermordung von Amerikanern durch Terroristen am 11. September gleichgesetzt. Ob Daniel P. Moynihan den Einmarsch in den Irak mit ähnlicher Verve verteidigt hätte? Die Geschichte seines Widerspruchs gegen Washingtons Kriege in Vietnam, Grenada, Panama bis zum ersten Golfkonflikt gibt die Antwort.