Moskau

Als US-Präsident George W. Bush seinen russischen Kollegen Wladimir Putin zum ersten Mal traf, schaute er ihm tief in die blauen Augen und sah, wie er dann erzählte, "in seine Seele". Vielleicht würde Bush heute in einen Abgrund blicken. Monatelang haben es die beiden Staatsmänner vermocht, ihre Freundschaft trotz aller unterschiedlichen Positionen zu wahren. Doch mit dem Krieg im Irak, scheint es, gerät das Fundament der Anti-Terror-Koalition ins Wanken. "Zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges wird die internationale Gemeinschaft mit einer solch ernsten Krise konfrontiert", warnte Putin am vergangenen Freitag. Zwar lieferte Moskaus höchster Außenpolitiker im Kampf um den UN-Sicherheitsrat ein taktisches Glanzstück ab. Im Angesicht der irakischen Schlachtfelder könnte er aber die guten Beziehungen zu Washington verspielen.

Lange war es Putin gelungen, die Gunst der amerikanischen Vorbereitungen auf den Irak-Krieg zu nutzen. Endlich konnten Russlands Diplomaten im Frack auf die Weltbühne zurückkehren, wenn auch mit aufgepolsterten Schultern. Schon die Terroranschläge des 11. September hatte der russische Präsident als Chance begriffen, um in einer seiner seltenen Entscheidungen voller Wagemut die Außenpolitik zu reformieren. Gegen den Widerstand der politischen Elite, die lieber als Feind denn als Partner im Schatten der USA leben möchte, gab er damals den Kurs Richtung Westen an. Putins Fähigkeit zur Analyse bewahrte ihn davor, Wunschbildern eines machtvollen Russlands nachzuträumen. Sein Land, das war Putin klar, würde nur mithilfe Amerikas wieder zu wirtschaftlicher Stärke gelangen. Diese pragmatische Haltung behielt er zunächst bei. Die Anti-Terror-Koalition sollte erhalten werden. Doch zugleich galt es, die muslimische Bevölkerung in Russland und den Nachbarländern nicht zu beunruhigen und die eigenen Interessen im Irak mit Öl- und Schuldendollars aufzuwiegen.

Wochenlang spielte das russische Diplomatenorchester unter Leitung von Wladimir Putin meisterlich eine Symphonie, aus der jeder seine Lieblingsweise heraushören konnte. Mal lockend, mal bedrohlich und dann wieder einlullend klang die Melodie. Die Welt lauschte gebannt und ignorierte das Ergebnis des Verfassungsreferendums in Tschetschenien mit einer verdächtig sowjetischen Zustimmung von knapp 100 Prozent.

Nach dem Zerbrechen der europäisch-amerika-nischen Allianz trat Russland Frankreich zur Seite und wahrte doch seine Mittlerrolle. Putin, der den Isolationismus alter Sowjetpolitiker nicht teilt, genoss das diplomatische Spiel. Während er in der Öffentlichkeit noch immer ein wenig linkisch wirkt, überzeugt er im kleinen Gesprächskreis mit jenem Charme und dem Gefühl der Nähe, die ihm schon beim Anwerben von Agenten in seiner Dresdner Geheimdienstzeit dienten. Erst spät ließ er seinen Außenminister Iwanow taktisch mit dem Veto drohen in der Hoffnung, die Abstimmung im Sicherheitsrat über eine zweite, den Krieg legitimierende Resolution zu verhindern. Der Moment der Wahrheit blieb tatsächlich aus. Russland wurde nicht in die Verantwortung gezwungen und konnte doch so tun, als hätte es alles versucht. Diplomatische Verwüstungen erlitten vor allem Paris und Berlin. In Moskau schienen endlich einmal Prinzipientreue und nationale Interessen zusammenzufallen. Putins Zustimmungskurve in der russischen Bevölkerung zeigte eine ungebrochene Hausse. Ja, sogar sein Äußeres, stellten die Demoskopen fest, gefiel dem Volk nun viel besser als früher.

Doch seit dem Kriegsbeginn verfliegt das Hochgefühl. Russland findet sich am Rande des Geschehens wieder. Der vermeintliche Triumph wird mit dem Ende des irakischen Regimes wie Sand durch die Finger rieseln, wenn amerikanische Firmen das Land zum Wiederaufbau besetzen. "Der Krieg ist ein großer politischer Fehler", verkündete Putin nach dem ersten Bombardement Bagdads grimmig. Er verdammte das Faustrecht der Amerikaner und gab sich als Anwalt der Weltordnung. Aber eine zukunftsgerichtete Position blieb er schuldig.

Stattdessen wich Putin von seiner bisherigen Linie ab und trat in Konflikt mit den USA. Die Situation eskalierte in diplomatischen Rüpeleien. So beklagte Russland lautstark einen amerikanischen Spionageflug nahe der russischen Grenze über georgischem Territorium. Bald darauf klingelte Putins Telefon. Präsident Bush beschuldigte drei russische Firmen des illegalen Waffenhandels mit dem Irak. Moskau reagierte beleidigt – mit schmallippigen Ausflüchten. Als wäre er ein Kalter Krieger legte Putin noch eins drauf: Er bezichtigte eine Firma im Einflussbereich der Amerikaner, den Iran mit Anlagen zur Produktion von waffenfähigem Uran zu beliefern. Die Chemie zwischen den Präsidenten stimmte nicht mehr.

Nun rächte sich, dass Putin und Bush vor allem auf ihre persönliche Sympathie gesetzt hatten. "Weder Amerika noch Russland haben eine ernsthafte Konzeption zur Entwicklung der Beziehungen vorgelegt", kritisiert Dmitrij Trenin, Experte am Moskauer Carnegie-Zentrum. "Putin ist es nicht gelungen, ein außenpolitisches Team um sich zu versammeln, das modern denkt und eigenständig handelt." Zwar gilt er als fähiger Mannschaftsspieler, aber seine pathologische Vorsicht hält den Kreis der Vertrauten eng. Wen er nicht aus seinen Jahren in der provinziellen Petersburger Stadtverwaltung kennt, den scannt er mit kaltem Blick ein und gleicht für lange Zeit jede Regung skeptisch mit dem gespeicherten Bild ab. So bleibt Außenpolitik in Russland alleinige Chefsache. Doch der Chef erscheint verunsichert, und die politischen Kommentatoren versuchen sich wie zu Sowjetzeiten vergeblich an der Erkundung der Black Box Kreml: Hat sich Putins Position zu Amerika grundlegend verändert?