Schreiben Sie, ich heiße Nat", sagt der junge Börsenhändler, wer würde schon einem Reporter seinen richtigen Namen verraten. Nat heißt also Nat, eine kleine runde Brille sitzt auf seiner Nase und verleiht ihm einen gelehrten Blick, ein dünner Schweißfilm hat sich auf seiner Stirn gebildet. "Ich sage Ihnen, aus dieser Position gehe ich nicht mehr raus", erzählt er im Börsen-Kauderwelsch, "die geht heute noch durch die Decke", und die Rede ist von einer Art Wette, einem komplizierten Geschäft rings um Rohstoffe und Preisversprechungen, wie man sie hier abschließt, am Ufer des Hudson River, auf dem Parkett der New Yorker Energie- und Metallbörse Nymex. "Vielleicht verdiene ich heute meine Rente", sagt Nat, grinst noch einmal kurz, und dann ist er wieder ins Gewühl verschwunden. Vielleicht kehrt er tatsächlich heute Abend als reicher Mann nach Hause zurück. Oder er erzählt jeden Tag solche Geschichten.

Jedenfalls ist es im Augenblick nicht so leicht, zusammenhängende Gespräche mit Händlern an der Nymex zu führen. So viel Gedränge hat auf dem Parkett lange nicht geherrscht. Die Zahl der Händler ist seit dem Jahresbeginn, im Anlauf auf den Krieg, stetig gestiegen. Ein Gewühl aus Männern wie Nat, mit wedelnden Armen und in bunte Jacken gekleidet, die ihre Zugehörigkeit zu Maklerhäusern oder Spekulationsgesellschaften signalisieren. Durch die Luft flattern weiße Kärtchen, auf denen Händler ihre vollzogenen Geschäfte notieren und den Registratoren zuwerfen; zusammen verursachen sie einen Lärm, als verlaufe auf dem Parkett eine zweite Front der Schlacht. Etliche Broker haben über ihre Arbeitsplätze kleine amerikanische Flaggen gehängt. Auf einem Bildschirm ist gerade General Franks im Fernsehen zu sehen. Eine Rohstoffbörse im Krieg.

Das bedeutet für die Rohstoffhändler an der Nymex vor allem eines: viel, viel Bewegung im Markt. "Die Preise schwanken so verrückt, der Markt reagiert bei fast jeder Nachricht zu stark", erzählt der Angestellte einer Brokerfirma. Und nie hat es in einem Krieg so viele "Nachrichten" – Informationsschnipsel – gegeben wie diesmal. Das Pentagon und die britischen Truppen haben 700 Reporter an der Front mit "eingebettet", und jetzt liefern sie der Welt Berichte von den kleinsten Scharmützeln – oft zu Sensationen aufgeblasen und nur selten im Zusammenhang erklärt. Einzelne Soldaten und Lehnstuhlgeneräle aus der ganzen Welt verbreiten ihre eigene Sicht des Kriegs im Internet, Gerüchte reisen per EMail um die Welt, die Propagandamaschinen beider Seiten streuen obendrein ihre Fehlinformationen. Wie war das mit den 8000 "kapitulierenden" irakischen Soldaten, die den Briten kurz darauf die größte Panzerschlacht seit 50 Jahren lieferten? Mit der 120 Panzer starken irakischen Kolonne vor Bagdad, die am Ende bloß aus drei Fahrzeugen bestand? Mit dem "inhaftierten" irakischen General, der am Montag ein Interview auf al-Dschasira gab?

Die große Kunst ist es, aus diesen nervösen Marktbewegungen wirklich auch Kapital zu schlagen. "Es gibt eine ganze Latte Strategien", sagt Jack, Händler für einen kleinen Hedgefonds in New York. Jack durchstöbert zurzeit stündlich die Märkte nach Chancen auf Geschäfte mit dem Krieg. Geschäfte auf dem Ölmarkt, erklärt er, seien die empfindlichsten und schwierigsten: "Der Preis wird von Tag zu Tag festgelegt – und steht und fällt mit der Menge des angebotenen und nachgefragten Öls." Der Aktienmarkt reagiert berechenbarer. "Im Grunde genommen wollen alle Marktteilnehmer das Gleiche wissen: Wie lange dauert der Krieg?", sagt George Friedman, Chef der Analysefirma Stratfor. So kam es, dass die Märkte kurz vor dem ersten Schusswechsel in die Höhe schnellten – ein baldiger amerikanischer Sieg galt als sicher. "Anfang letzter Woche wurde überraschend klar, dass es schwieriger wird – und die Kurse stürzten ab", sagt Tobias Levkovich, Stratege der Investmentbank Salomon Smith Barney.

Der Analyst als Kriegsprofiteur

Es ist eine Welt nach dem Geschmack von Ian Bremmer. Im 14. Stock eines herrschaftlichen Gebäudes an der 5th Avenue in New York hat die Eurasia Group ihr Hauptquartier – Bremmers Firma, die sich laut Eigenwerbung "auf die Analyse politischer Risiken spezialisiert". Der gelernte Politikwissenschaftler und Absolvent der Eliteuniversität Stanford hat die Eurasia Group 1998 gegründet, mit 25000 Dollar Startkapital. Die Firma blieb nicht lange so klein. "In diesen Kriegszeiten stehen unsere Telefone nicht mehr still", sagt der Chef, der im amerikanischen Business-Fernsehen jetzt Dauergast ist. 130 namhafte Kunden aus der Finanz- und Unternehmenswelt beliefert er mit seinen Einschätzungen und Berichten, dazu leistet er sich gut 40 politische Analysten und 480 bezahlte Informanten rings um den Globus, 30 Millionen Dollar Jahresumsatz hat er zuletzt geschrieben. "Wir leben in einer neuen Welt", sagt Bremmer. "Die Märkte interessieren sich neuerdings für Politik – und rings um die Wall Street ist die Kunst der politischen Analyse unterentwickelt."

Nicht mehr lange allerdings, denn politische und militärische Analysen gehören jetzt zu den heißesten Wachstumsmärkten rings um die Wall Street. Kommerzielle Denkfabriken, oft nur wenige Jahre alt, machen seit dem 11. September das Geschäft ihres Lebens. Die Medley Global Advisors zum Beispiel, 1995 gegründet von einem früheren politischen Berater des Großspekulanten George Soros. Die Firma Stratfor ("Wir nennen unsere Mitarbeiter Agenten"), die seit 1996 zu militärischen und "geopolitischen" Fachfragen aufklärt. Die G7-Group, die sich in den Notenbanken der Welt auskennt.

Manche wollen durch Analyse und Einsichten überzeugen, andere werben mit exklusiven Sonderinformationen, die ihre Mitarbeiter notfalls mit ein paar 100-Dollar-Scheinen aus Regierungsbeamten herausholen. Und die Masche funktioniert: Analyseabteilungen großer Banken und Fondsgesellschaften reißen sich in diesen Tagen um die "Newsletter" solcher Firmen, zahlen dafür beispielsweise 15000 Dollar im Monat. Oft bezahlen sie zusätzlich für den Zugang zu politischen Analysten und Telefonkonferenzen wie dem morgendlichen Wall Street War Briefing der Firma Stratfor. "Einmal richtig gelegen kann schon reichen, und die Informationen dieser Firmen gelten für ein paar Jahre als unentbehrlich", sagt ein Insider. "Und wenn man einmal dank dieser Tipps ein gutes Geschäft abschließt, macht das die Kosten für alle Zeiten wett", fügt Jack, der Profispekulant, hinzu.