Die Fachleute beschworen gerade die Gefahr durch biotechnische Giftmischer in Saddam HusseinsDiensten oder durch virologische Söldner unter Al-Qaida-Kommando – da machte die Natur den Biokriegsexperten vor, wie eine ordentliche Virenattacke aussieht. Die Waffe: ein bislang nie gesichteter Erreger, recht ansteckend. Sterblichkeit: fünf Prozent (bei optimaler Versorgung der Opfer). Aber keine Impfmöglichkeit. Medikamente: keine. Behandlungsoptionen: Elektrolyt-Infusionen, Fiebersenkung, Beatmung, Beten – in dieser Reihenfolge.

Tatort Hongkong, Hotel Metropole, 9. Etage, 22. Februar. Eine Menschentraube wartet vor dem Lift. Einer hustet ständig. Der 64-jährige chinesische Professor aus der Provinz Guangdong scheint schwer verschnupft. Der Mediziner reiste für eine Hochzeit nach Hongkong. Er kehrt nie zurück. Denn am Tag nach der Hustenattacke verschlechtert sich sein Zustand massiv. Zehn Tage später, am 4. März, ist er tot.

Ein anderer Hotelgast, der 48-jährige US-Geschäftsmann Johnny Chen, fliegt am Tag nach der Liftfahrt hustend nach Hanoi. Er fühlt sich schwer krank und wird direkt vom Flugzeug aus ins französische Krankenhaus der Stadt eingeliefert. Der Mann besteht auf einer Rückreise nach Hongkong und stirbt dort am 13. März im Hospital. Kurz darauf fallen sein behandelnder Arzt und eine Krankenschwester in Hanoi einer schweren Lungenentzündung zum Opfer.

Carlo Urbani, Mediziner der Weltgesundheitsorganisation WHO, tauft die mysteriöse Lungenentzündung auf den Namen SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) und stirbt kurz darauf selbst daran. Der 46-jährige Italiener hatte sich in der Hanoier Klinik intensiv um Johnny Chen gekümmert. Urbani war der seltsame, aggressive Verlauf der Lungeninfektion als Erstem aufgefallen. Nun soll das neue Virus seinen Namen tragen.

Gut möglich, dass Urbani damit als Synonym für Schock und Schrecken der Großstädte in die Medizingeschichte eingeht. Bis Mitte dieser Woche hat der Lungenkeim über 60 Menschen getötet. Mehr als 1800 Infizierte ringen auf den Intensivstationen in 15 Staaten um ihr Leben.

Zwar hatten die Hongkonger Hotelgäste das vom chinesischen Festland importierte Virus schnell nach Singapur und Kanada weitergeschleppt, doch dann dümpelte die Lungenseuche zunächst eher dahin. Virusforscher an den amerikanischen Centers for Disease Control (CDC), an der Frankfurter Uniklinik, dem Hamburger Bernhard-Nocht-Institut (BNI) und ihre Kollegen in Hongkong begaben sich auf Indiziensuche in den Patientenproben. Schnell meldeten die Fachleute erste Befunde: Mit dem Mikroskop orteten sie den namenlosen Erreger in den Reihen der so genannten Paramyxoviren – einer höchst diversifizierten Virengruppe, die Mensch und Tier infiziert.

Gefahr erkannt und gebannt, schien das Motto der Stunde. Doch plötzlich nahm die Pandemie Fahrt auf. Seit vorletzter Woche explodiert die Seuche nicht nur in Südostasien. In Kanada (bei Redaktionsschluss 44 Infizierte, darunter vier Tote) wurden Krankenhäuser bis auf Notfallaufnahmen geschlossen. Auch die USA (59 Infizierte) sind schwer getroffen. Am Dienstag bestätigte das Hamburger BNI den fünften SARS-Fall bei einem 72jährigen Asienreisenden in Deutschland. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber sagte vorsorglich seine Weiterreise von Peking aus nach Hongkong ab. Auch der Besuch einer hochrangigen Hamburger Wirtschaftsdelegation in China steht zur Disposition.

Allein in Hongkong melden die Behörden inzwischen 15 Tote und 610 Kranke – über der Stadt liegt seit Tagen eine unheimliche Ruhe. Alle Schulen sind geschlossen, Restaurants nur noch spärlich besetzt. Der Flughafen wirkt wie leer gefegt.