Hej Leute", liest man in einem Internet-Forum des Bildungsservers Nordrhein-Westfalen. "Ich muss für Sozialkunde Gründe aufschreiben, die die USA dafür anführen, einen Krieg zu führen. Helft mir und schreibt mir, was ihr darüber wisst! Wäre super super lieb. Peace on earth. Jana."

Der Irak-Krieg findet statt, irgendwo da draußen. In Deutschland ist er Unterrichtsgegenstand geworden, Schulangelegenheit. Nicht alle Kultusbürokratien gehen dabei so weit wie das nordrhein-westfälische Institut für Schule, das auf seinen learnline -Seiten empfiehlt, "Verabredungen zu treffen, welche Reaktionsformen der Schüler in der Unterrichtszeit akzeptiert werden sollen, beispielsweise spontane Versammlungen, Demonstrationen etc., und welche Angebote für Reaktionen die Schulen selbst im Kriegsfall den Klassen machen". Doch fast überall, selbst an Grundschulen, diskutieren Lehrer mit Kindern und Jugendlichen über den Krieg. Dass man im Unterricht Transparente malt, mag die Ausnahme sein, kommt aber vor. Schüler, die Streiks und Kundgebungen organisieren, scheinen geradezu verzweifelt nach Widerständen zu suchen, die sie in ihrer Protestbereitschaft überwinden könnten – sie treffen auf keine. Alles geht fast zu leicht. Selbst auf der Internet-Seite der Initiative "Jugend gegen Krieg", deren Autoren gewiss bereit wären, auch kleinere Repressionen großformatig anzuprangern, findet sich wenig Gejammer.

Die meisten Kultusministerien delegieren die Entscheidung über die tatsächliche Protestpraxis an die Schulleiter – schließlich seien die Schulen "eigenständig". Die Rektoren akzeptieren in der Regel elterliche Entschuldigungen für demonstrationsbedingtes Fehlen; schlimmstenfalls werden den Schülern ein paar unentschuldigte Fehlstunden aufgeschrieben. "Sie müssen schließlich auch lernen, was es bedeutet, wenn man streikt", sagt Heidrun Susat, die Direktorin des Gymnasiums Osdorf in Hamburg.

"Alles wird labil"

Doch von solchen winzigen Unstimmigkeiten abgesehen, verläuft die schulische Kriegsbearbeitung harmonisch. Es ist fast so, als habe ein Bildungswesen, dem die Pisa-Studie zuletzt größtmögliche Entfremdung zwischen Lehrern und Schülern bescheinigte, ein Thema gefunden, das alle wieder zusammenbringt. "Ein bisschen hat man das Gefühl: Etwas können wir doch ganz gut in Deutschland", sagt eine Lehrerin für das Fach Wirtschaft und Politik an einer Kieler Gesamtschule. Das ist nicht ironisch gemeint: Sie ist stolz auf die Schüler, die sich in der Mehrzahl zum ersten Mal politisch engagieren und in einer schwer zu beantwortenden Frage um Argumente ringen.

Es fällt den Jugendlichen schwer, sich in den Informationsmassen zu orientieren. "Man mag die Bilder zum Teil gar nicht mehr ansehen", sagt Robert, 18, und eine Mitschülerin pflichtet ihm bei. "Die Berichterstattung hat etwas Spielfilmartiges, das ist wie Unterhaltung." Dass Journalisten sich von amerikanischen Armeeverbänden mitnehmen lassen, finden die Schüler "ungeheuerlich: Die müssen doch alles vorlegen, was sie senden wollen." Die Skepsis gegenüber den Medien geht weit – bis hin zu wilden Verschwörungstheorien. Nicht allein Jonas, 17, hält es für möglich, dass die USA das Attentat vom 11. September geduldet haben, weil sie einen Kriegsgrund gegen Afghanistan und den Irak suchten.

Auf ihre Bundesregierung hingegen sind die Schüler stolz. "Ich bin froh, dass wir so eine Regierung haben", sagt Signe, 17, "dass die auch mal ,Nein‘ sagen zu Amerika, dass sie der eigenen Meinung treu bleiben und sich nicht beeinflussen lassen."

Die USA genießen in dem Oberstufenkurs für Wirtschaft/Politik kein hohes Ansehen. "Die ganze Welt ist gegen diesen Krieg", sagt Annina, 17, "aber Bush kümmert sich nicht um die Meinung von Millionen." Dass dem amerikanischen Präsidenten auch ihre Demonstrationen recht gleichgültig sein dürften, ist den Schülern klar. "Deshalb hat man ein solches Gefühl der Ohnmacht", sagt Annina. "Aber deshalb ist es auch fast unsere Pflicht zu protestieren", ergänzt Lisa, 17, "und natürlich fühlt man sich in der Gruppe etwas stärker." Das Wort "Spaß" übrigens, angewandt auf ihre Aktionen, verbitten sich in dieser Runde alle: "Freude vielleicht, dass man wenigstens etwas tut."