Der einen war er "Magier", "Wegschnur", "Zauberbild", der andere beschreibt ihn in jungen Jahren als "oft verschuldet, liebenswürdig, zu Trägheit neigend und laisser faire". Seine Frau schließlich berichtet, sie habe sich ihm "in einem Maß untergeordnet, dass mich nur mein fast schon übersteigertes Selbstbewusstsein davor geschützt hat, mich dabei zu verlieren" - sie grauste sich vor dem Wirbel zu seinem 100. Geburtstag und nannte ihn stets nur beim Nachnamen: Huchel.

Jetzt ist der runde Geburtstag da, am 3. April 1903 wurde Peter Huchel in Groß-Lichterfelde bei Berlin geboren. Er starb 1981, seine Frau Monica 21 Jahre später, viel Rummel hätte sie nicht zu ertragen gehabt. Außer einem bislang unbekannten Essay über Bertolt Brecht war im Nachlass nichts grundlegend Neues zu entdecken, weshalb man sich bei Suhrkamp, Huchels Verlag, zum Jubiläum mit dem Hinweis auf die bislang betriebene Werkpflege beschränkt (2000 erschien dort in Ergänzung zur Werk- auch eine Briefausgabe). Für die Hommage 2003 ist deshalb der winzige Märkische Verlag zuständig, ein Einmannbetrieb in Huchels langjährigem Wohnort Wilhelmshorst.

Dort erscheint eine bibliophile Ausgabe von 64 Gedichten, ausgewählt und nach Jahreszeiten sortiert vom Huchel-Kenner Axel Vieregg, begleitet von melancholischen Schwarzweißbildern der Fotografin Sabine Breithor (Langsam dreht sich das Jahr ins Licht, Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2003 - 142 S., 49,90 e). Viel mehr ist nicht anzuzeigen - Peter Huchels zeitkritische Naturlyrik ist nicht eben en vogue, und auch der politische "Fall" Huchel ist zu den Akten gelegt, obwohl er ein Paradebeispiel diktatorischer Kulturpolitik ist.

1949 wurde Huchel Chefredakteur von Sinn und Form, der berühmten Literaturzeitschrift der (Ost-)Berliner Akademie der Künste. Er machte sie so gut, so unabhängig, dass er 1962 aus dem Amt gedrängt, fortan isoliert und bespitzelt wurde, ehe er 1971 in den Westen ausreisen durfte. All das ist hinreichend bekannt, dennoch ist es seltsam, dass nun ausgerechnet Sinn und Form (Heft 2/03 - Hrsg. Akademie der Künste Berlin, Aufbau-Verlag, 144 S., 9,- e) zum Jubiläum ihrer Überfigur nur zwei längere Aufsätze bringt, davon einen aus der Tastatur des englischen Germanisten Stephen Parker, der nun schon seit Jahrzehnten zu beweisen versucht, dass Huchel als Mensch mies und als Lyriker mittelmäßig war. Seine Technik ist die des Beamten beim Einwohnermeldeamt, er heftet Gedichte als Belege wechselnder Wohnorte und zweifelhafter Gesinnungen ab. Zum Glück zeigt in derselben Ausgabe der Lyriker Lutz Seiler eindrucksvoll, wie man sich behutsam und wahrhaftig von den konkreten Lebensumständen zum Charakter eines Werkes voranschreiben kann.

Sein poetischer Essay über das Haus im Wilhelmshorster "Kieferngewölbe", wo heute Seiler wohnt und Huchel von 1952 bis 1971 lebte, dichtete und redigierte, ist das Gegenteil von Parkers privatdetektivischen Schnüffeleien: ein Kunststück.

Seiler hat auch, zusammen mit Peter Walther, den schmalen Sonderband von Text und Kritik zu Huchels 100. herausgegeben (Heft 157, Edition text + kritik, München 2003 - 98 S., 14,- e). Das gute Dutzend Beiträge von Weggefährten und nachgeborenen Kennern des Werkes fügt sich zu einer aufschlussreichen Skizze des märkischen Querschädels, den viele kannten, aber dem niemand wirklich nahe kam. "Dadurch - das ist ja das purste Feuerwehrdeutsch! Können Sie nicht auf solche Wörter verzichten?" Mit derart einfühlsamen Anmerkungen brachte Huchel manch jungen Dichter auf die rechte Spur, wie Adolf Endler sich erinnert.

Am schärfsten sieht den Jubilar wohl Fritz Erpel, lange Jahre Redakteur bei Sinn und Form, der in einer huchelesken Mischung aus Belesenheit, Bildkraft, strenger Selbstbescheidung und Sarkasmus die Erinnerung an den "selbstkritischen Avantgardisten einer Tradition" lebendig hält: "Wie war er denn so, was war er denn für ein Mensch? Antwort: Im Prinzip ja. Gelegentlich ein cholerischer Ausbruch (wenn ihn etwa die Taxi-Zentrale am Potsdamer Bahhof versetzt hatte), der entlud und rehabilitierte nur die um Ausdruck ringende Schwermut, den Seelenstau aus Apathie und Vulkanismus."