Die meisten Fragen sind beantwortet, gottlob. So wissen wir endlich, warum in den Müslitüten die Nüsse immer oben liegen. Auf den Wissenschaftsseiten der klugen Zeitungen ist dieses Phänomen ausführlich und, wie ich hoffe, ein für alle Mal erklärt worden. Keine Erklärung hingegen haben die Wissenschaftler für ein anderes Rätsel geliefert. Möglicherweise hat niemand eine verlangt. (Wahrscheinlich wollte auch nicht jeder wissen, warum die Nüsse immer oben liegen.) Ich meine die Fruchtstücke in den Marmeladengläsern. Auch die stecken immer im oberen Drittel der Marmeladen. Im unteren Teil keine Frucht, bloß Gelee. Nur wenn ich Marmelade koche, ist es umgekehrt. Bei mir liegen die Erdbeer- und Ingwerstücke immer unten im Glas. Ich bin nicht sicher: Soll ich mir das patentieren lassen, oder ist das ein Grund zur Verzweiflung?

Interessant wäre sodann eine Antwort auf die Juxfrage von Leuten wie dem Landwirtschaftsminister Josef Ertl (1925–2000): Was war zuerst da, die Henne oder der Hahn? Was mich indes in der letzten Zeit beschäftigt hat, ist die Erklärung für die Angewohnheit des Fiat-Chefs Gianni Agnelli (1921–2003), seine Armbanduhr über der Manschette seines Hemdes zu tragen. War es der exzentrische Tick eines Dandys? Wurde er von einer Uhrenfirma dafür bezahlt?

Oder fehlte ihm einfach ein Knopf an der Manschette, den in seiner Familie niemand annähen wollte? Nach meinen Erfahrungen ist das Knopfannähen eine der am meisten gehassten Beschäftigungen emanzipierter Damen. So mancher Rentner, der als Exhibitionist verurteilt wurde, sitzt unschuldig im Knast, weil seine Dulcinea sich weigerte, die fehlenden Knöpfe an seinem Mantel zu ersetzen. Es gibt wenige Dinge, die so häufig fehlen wie Hemden- und Hosenknöpfe. Nur kann sie nicht jeder durch eine goldene Armbanduhr ersetzen.

In diesem Zusammenhang möchte ich darauf aufmerksam machen, dass im Laufe der letzten 50 Jahre eine Redewendung aus unserem Sprachschatz verschwunden ist. Ich meine die Frage "Können Sie mir sagen, wie viel Uhr es ist?"

Ich besaß schon als Schulkind eine Armbanduhr und wurde recht häufig von Erwachsenen nach der Uhrzeit gefragt. Kann sein, ich trug sie damals ebenfalls auf der Manschette. Jedenfalls war ich stolz, den fragenden Erwachsenen – auch wenn sie mich geduzt hatten – sagen zu können, was die Stunde geschlagen hatte, nachdem ich meine Porta mit ausholender Armbewegung aus dem Filzärmel ans Tageslicht befördert hatte. Sie hatte ein vergilbtes Zifferblatt, Leuchtziffern und ein Stahlarmband. Agnelli hätte sie nicht einmal beim Kohleschippen getragen.

Heute fragt keiner mehr, wie viel Uhr es ist. Wenn neben mir ein Auto hält, die getönte Scheibe sich elektrisch senkt und ein Kopf mit einem gepiercten Ohr erscheint, fragt der bestenfalls: "Sag mal, Alterchen, wo is denn hier die Karl-Ludwig-Stretzker-Straße?"

"Karl-Ludwig-Stretzker am Arsch", würde ich am liebsten sagen. Dabei weiß ich nicht einmal, wer Karl-Ludwig-Stretzker war, geschweige denn, wo die nach ihm benannte Straße liegt. Wenn ich es könnte, würde ich dem Ortsunkundigen genau dies auf Serbisch antworten, damit er den Verkehrsstau subito auflöst. Aber ich kann kein Serbisch, nicht einmal die Begriffe auf serbischen Speisekarten kenne ich, obwohl ich mich einmal zwei Monate lang in Zagreb herumgetrieben und alle Speisekarten gelesen habe, die mir in die Finger fielen. Das war, bevor Zagreb kroatisch wurde. Damals hieß der Diktator Tito, und Slibowitz war seine Massenvernichtungswaffe. Wie ich sie überlebte, gehört nicht in die heutige Ausgabe der ZEIT. Eines Tages werde ich es meinen Urenkeln vor dem Einschlafen erzählen.

Was ich damit sagen will: Es ist bedauerlich, dass man nie mehr nach der Uhrzeit gefragt wird. Jeder Tellerwäscher läuft heute mit dicken Armbanduhren durchs Leben. Wo ist die gepflegte Dame, die sich im Speisewagen zu mir herüberbeugt und mit verführerischer Stimme fragt: "Verzeihung, können Sie mir vielleicht…" Vor dem Essen selbstverständlich. Danach stöhnt sie nur: "Ist hier ein Doktor an Bord?" Das bin natürlich ich, wer sonst? Ich ergreife ihr schmales Handgelenk und drücke an meiner goldenen Kultuhr den Knopf für den Pulsschlagzähler. So rette ich ihr Leben, was ich noch früh genug bereuen werde. ("Lothar, das ist der freundliche Herr, der mir im Speisewagen das Leben gerettet hast. Du musst ihn unbedingt zu uns zum Essen einladen!") Aber Reue stellt sich sowieso ein, wenn man die Bahn benutzt. Da haben sie praktisch auf jedem Bahnsteig eine Uhr gut sichtbar angebracht, trotzdem schaffen die Lokomotivjockeys es nicht, pünktlich einzulaufen und planmäßig abzufahren. Kein Wunder, denn auch sie fragen nicht mehr nach der Uhrzeit.