Marc Blume sitzt im Büro seines Trainers und spielt mit der Stoppuhr. Zeit läuft. "Sie haben zehn Sekunden", sagt er und schaut bemüht ernst. Marc Blume ist Hundertmeterläufer und mag Scherze. 10,13 Sekunden ist seine Bestzeit. Das ist schnell, sehr schnell für einen Deutschen, erst recht für einen aus dem Westen: Nur ein paar DDR-Sportler waren seit Einführung der elektronischen Zeitmessung schneller als der Mann aus Bochum-Wattenscheid. Im Vergleich zu den Zeiten, die schwarze Sprintstars heute laufen, sind 10,13 Sekunden jedoch langsam, sehr langsam. Bei der Elite steht eine Neun vor dem Komma. Im vergangenen September lief der Amerikaner Tim Montgomery 9,78 Sekunden: Weltrekord.

Marc Blume sieht aus wie jemand, dem die Sonnenmilchindustrie mindestens Schutzfaktor 20 empfiehlt, einer dieser Männer mit rötlichen Haaren, hellblauen Augen und weißen Wimpern, die als Jungs farblos wirken und mit den Jahren Kontur annehmen. Mit 15 fing er an zu trainieren, mit 19 wurde er erstmals Deutscher Meister, mit 22 lief er seine Bestzeit. Jetzt ist er 29 Jahre alt und immer noch der schnellste Deutsche auf den 100 Metern. Inzwischen hat er sich mit der Zehn vor dem Komma arrangiert, schließlich hat er eine genaue Vorstellung davon, wie groß die Distanz ist zwischen ihm und der Weltelite. Jedes Zehntel, das er langsamer läuft, lässt sich in einen Meter Abstand übersetzen. "Zehntel kann man empfinden. Ich weiß genau, ob ich 10,30 oder 10,40 gelaufen bin."

35 Hundertstel trennen ihn von einem Leben als Millionär, von Montgomery, dem schnellsten Mann der Welt. Mit keinem anderen Leichtathletiktitel kann man so viel verdienen, so viele lukrative Werbeverträge bekommen. Das Geld, das Marc Blume von seinem Sponsor Nike und dem TV Wattenscheid bekommt, reicht nicht annähernd, um davon zu leben. Und so ist der schnellste Deutsche ein Halbprofi mit einem Halbtagsjob, den er "einen Sechser im Lotto" nennt. Marc Blume arbeitet 25 Stunden pro Woche in der Unternehmenskommunikation der Stadtwerke Bochum. Für ihn ist es ein großes Glück, sich seine Arbeit selbst einteilen zu können, damit er zwischendurch trainieren kann. Bis zu 20 Stunden die Woche beträgt sein Trainingspensum, das ist viel Zeit, um vielleicht doch noch mal ein Zehntel schneller zu laufen als 10,23, seine Bestzeit im vergangenen Jahr.

Roland Stein hält das für machbar. Seit 13 Jahren ist er Marc Blumes Trainer und kennt das Potenzial seines Athleten sehr genau, vielleicht sogar besser als dieser selbst. Der Sprinter weiß nur ungefähr, auf welche Maximalgeschwindigkeit er seinen 74 Kilogramm schweren Körper beschleunigen kann. Auf Steins Schreibtisch liegt ein Taschenrechner. Der Trainer murmelt etwas von v gleich s durch t und tippt ein paar Zahlen ein: 40,5 erscheint auf dem Display. Klingt schnell. Ist es auch, die Spitzengeschwindigkeit ist auch nicht das größte Problem. Der Coach weiß genau, wo die Zehntel auf der Strecke bleiben, die Blume hinter der Weltklasse herläuft. "Auf den ersten 60 Metern ist er nur einen Meter weg", sagt er, "aber dann machen die anderen ein Fass auf. Das ist dann, wie wenn ein Golf gegen einen Ferrari fährt." Von den anderen, den Rasern, gibt es mittlerweile viele. Während in den meisten Leichtathletik-Disziplinen das Leistungsniveau sinkt, steigt es beim Kurzsprint von Jahr zu Jahr. Stein findet das merkwürdig, schließlich gab es beim Laufen schon seit der Erfindung der Tartanbahn keine technische Revolution mehr: "Ich frage mich, ob da wirklich alles mit rechten Dingen zugeht."

Er will nicht jedem Topathleten Doping unterstellen. Aber er wundert sich schon, dass heute Weltklasseläufer für Zeiten gefeiert werden, wie sie vor wenigen Jahren nur Ben Johnson lief, mithilfe von Anabolika. "Viele finden es toll, dass Menschen immer schneller und schneller laufen. Wie das geschieht, wird nicht hinterfragt", sagt Stein. Die Veranstalter von Leichtathletik-Meetings kennen das Verlangen des Publikums nach Rekorden und lassen sich den Auftritt von Sprintstars viel kosten. Tim Montgomery und dessen Freundin Marion Jones, Olympiasiegerin über 100 und 200 Meter, verlangen zusammen angeblich 140000 Euro Startgeld. Ein Geschäft, das läuft, solange es Rekorde gibt. Und solange es das Geschäft gibt, wird es Sportler geben, die alles für diese Rekorde tun.

Manchmal, sagt Blume, sitze er bei Vorläufen neben den ganz schnellen Männern und wundere sich, dass deren Oberschenkel einzeln so dick seien wie seine zusammen. Natürlich wäre er auch gern so schnell wie sie. Doch er glaubt, dass er niemals nur durch Training solche Muskeln entwickeln könnte. "Ich will aber meine Leistung nicht aus der Apotheke beziehen, weil ich den Preis für die Folgen nicht zahlen möchte. Sonst sterbe ich mit 40 vielleicht an einem Schlaganfall", sagt er. So wie die Weltrekordhalterin über 100 Meter, Florence Griffith-Joyner, vor fünf Jahren.

Lieber lässt er sich von Sport Bild mal wieder als "Weltmeister der Ausreden" oder "Hinterherläufer" beschimpfen. Auch wenn es ihn wirklich sehr ärgert, dass die Zeitung ihn und seine Mannschaftskameraden als "WM-Touristen" titulierte. Wer sich die Berichterstattung über Blume in den vergangenen Jahren anschaut, entdeckt schnell, wie die Häme destilliert wird: Blume startet bei einer Weltmeisterschaft oder bei den Olympischen Spielen, fliegt ziemlich schnell raus, ein Journalist fragt ihn, wie’s gelaufen ist, und nachher stehen dann Sätze von ihm wie "Hinten war’s bei mir zu fest" in einer Zitatesammlung unter der Überschrift Ausreden. Nettere Publikationen nennen Blume "das ewige Sprinttalent". Wenn die Sportpresse überhaupt noch Notiz nimmt von ihm, dem schnellsten Deutschen.

Blume, der Westfale, scheint sich durch nichts entmutigen zu lassen. Geduldig und mit sonorer Stimme liefert er immer wieder neue, immer wieder andere Erklärungen dafür, warum er noch ein paar Jahre lang weitermachen will, warum er weiterhin jeden Tag von der Arbeit zum Training, vom Training zur Arbeit hetzen wird. "Solange der Erfolg sich einstellt, verschwende ich keinen Gedanken ans Aufhören", sagt er. Man vergisst schnell, dass er im vergangenen Jahr mal wieder die Deutschen Meisterschaften gewonnen hat, zum achten Mal. Und dann sagt er noch, wie viel Spaß ihm das Training macht, und wird dabei ganz ernst.