Aufstöhnen aller Medien. Instinktive Frontenbildung im Freundeskreis.

Hochkochende Gefühle: All dies sind unvermeidbare Reaktionen, wenn ein frischer Vorschlag zur Familienpolitik auf den Tisch kommt. Das mag die CDU-Vorsitzende Angela Merkel klug eingerechnet haben, als sie vergangene Woche anmerkte, bei der Finanzierung der Renten seien Familien zu entlasten: "Die Erziehung von Kindern muss einen Einfluss auf die Rente haben."

Kinderlose sollten höhere Beiträge zahlen - oder eine Halbierung ihrer Ansprüche hinnehmen. Das gab schrillste Kommentare wie "Strafsteuer für Kinderlose!".

Wo bloß dieses sensible soziale Gewissen war, als neulich die Sanierung der Gesundheits- und Rentenkassen beschlossen wurde? Im Tiefschlaf vermutlich, jedenfalls rührte sich nichts, als ruck, zuck die Beitragsbemessungsgrenzen angehoben wurden, ohne jede Rücksicht auf die Kinderzahl im Haushalt. Als habe immer noch niemand verstanden, dass dieser Gesellschaft die Kinder fehlen, dass Familien zu hoch belastet sind! Das soll uns aber nicht von der Frage ablenken, wie sinnvoll der Merkelsche Vorschlag ist, die Erziehung von Kindern im Gefüge der Altersvorsorge neu zu gewichten. Er zielt in das Herz unseres Sozialstaates, der in den vergangenen 50 Jahren genau diese Abwägung sträflich vernachlässigt hat - mit Folgen für unser Sozialwesen, von denen eine der verheerendsten ist, dass uns der Blick vernebelt wurde für das, was an diesem Gemeinwesen sozial ist und wie das mit Kindern zusammenhängt.

Euros in Aktienfonds

Die Rentenversicherung sichert ein Einkommen im Alter, sie wirkt im Kern wie eine Versicherung gegen Kinderlosigkeit. Hätten alle Bundesbürger genügend Nachkommen, die sie im Alter versorgten, bräuchten wir keine Rentenversicherung. Wie viele Nachkommen wären das? Nun, jemand muss den Unterhalt bestreiten, wenn wir zu alt sind, um das selbst zu tun. Und: Jemand muss uns helfen, wenn wir uns selbst nicht mehr helfen können. Es braucht also beides, Fürsorge und Unterhalt, ebenso, wie es für die Versorgung der jungen Generation immer beides braucht, Geld und Fürsorge.

Ein Sozialsystem, das als Beitrag in der Hauptsache Geldleistungen kennt, die aus Erwerbsarbeit erwachsen, negiert diesen Zusammenhang zwischen Geld und familiärer Arbeit. Man könnte sagen, der Faktor Mensch ist uns verloren gegangen. So entstand die irrige Meinung, man könnte sich aus sozialen Verpflichtungen freikaufen. Noch das Konzept der Riester-Rente gibt ja vor, der Altersvorsorge sei Genüge getan, wenn Euros in Aktienfonds gehäufelt würden. Aber wem sollten wir die Dividende, falls sie eintrifft, geben, damit uns jemand beiseite steht? Um 16 Millionen wird die Zahl der Erwerbsfähigen in den kommenden 50 Jahren absinken - und so die Zahl der Leute, die dieses Gemeinwesen bestreiten und uns helfen könnten. Es gibt keinen Ersatz für Menschen, wie der Demograf Herwig Birg sagt. Das ist übrigens die gute Botschaft: Der Generationenvertrag ist keine Sentimentalität, sondern eine Notwendigkeit, und besonders nötig haben ihn jene, die ein Leben lang ohne Kinder bleiben.