Kaum zu glauben, aber wahr: Es hätte nicht viel gefehlt, und in England wäre Prinzessin Diana kürzlich zur wichtigsten britischen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts gewählt worden - erst in letzter Minute konnte sie von Churchill abgefangen werden. In den USA sollen Meinungsumfragen zufolge mehr als 54 Prozent aller Amerikaner die United States Constitution mit einem (erfolglosen) Eishockeyteam verwechseln. Man sieht, dass die Achse des Blöden - so der Titel eines satirischen Buches von Dave Barry (Eichborn Verlag) - keine nationale Begrenzung kennt, sondern, genauso wie die "Achse des Bösen", globalisiert ist.

Denkhemmung als Schicksal

In einer solchen Situation kann es gewiss nicht schaden, wenn zwei Bücher auf den Markt kommen, die in durchaus altmodischer Weise an Tugenden erinnern, die für das Funktionieren demokratisch verfasster Gesellschaften auf Dauer unerlässlich sind. Die amerikanische Wissenschaftlerin und Publizistin Marcia Pally stimmt ein Lob der Kritik an, während der Brite Christopher Hitchens, unter anderem durch ein kritisches Buch über Henry Kissinger bekannt geworden, zur Verteidigung der kritischen Vernunft aufruft. Man kann freilich seine Zweifel haben, ob Autoren dieser Denkungsart überhaupt noch von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Prämisse beider Bücher ist, dass Demokratie essenziell von der Fähigkeit und Bereitschaft der Bürger lebt, misstrauisch zu sein gegenüber dem, was an offiziellen und halb offiziellen Deutungsmustern in Umlauf ist, und Widerspruch einzulegen, sofern die kritische Prüfung durch den Verstand deren Unhaltbarkeit erweist. Auch wenn, einem Churchill-Wort zufolge, die Demokratie die schlechteste aller Staatsformen ist (wenn man von allen anderen bisher erprobten Staatsformen absieht), habe sie es verdient, ernst genommen zu werden - als Veranstaltung, die einem permanenten Revisionsprozess unterworfen ist und ihre Legitimität gerade dadurch gewinnt, dass die an ihr Beteiligten Zweifel und Selbstzweifel zu artikulieren imstande sind. Oder in der schlichten, an Karl Popper geschulten Diktion Pallys: "Entscheidend am kritischen Denken ist die Bereitschaft, das eigene Wissen in Frage zu stellen und sich die Dinge möglichst genau anzuschauen, um eventuell etwas Neues darüber zu erfahren."

Gemäß diesem Programm durchmisst Pally 400 Jahre Ideen- und Geistesgeschichte - von Hobbes und Locke bis Carl Schmitt und Peter Handke, von Boyle und Descartes bis Foucault und Habermas. Rousseau, Kant, Hegel, Kierkegaard und Nietzsche werden ebenso auf den Prüfstand gestellt wie die Psychoanalyse und die Kritische Theorie. Am Ende zeigt sich, dass das Denken immer dann in Sackgassen geriet beziehungsweise unkritisch wurde, wenn es bei der Vergangenheit oder bei der Zukunft Zuflucht suchte oder wenn es sich sozialen Pathologien wie dem Faschismus zur Verfügung stellte. Ihre größte Überzeugungskraft gewinnt Pallys Argumentation dort, wo sie an aktuellen und gesellschaftlich umstrittenen Themen (Genforschung, Wirkung der Massenmedien) demonstriert, wie rasch das Denken bereit ist, auf seine kritische Funktion zu verzichten und einfache, aber falsche Lösungen zu bevorzugen. Was Freud "Denkhemmung" nannte, droht uns jederzeit als Schicksal.

Munterer und lockerer kommt das "Widerwort" von Hitchens daher, einem laut Selbstbeschreibung "ergrauten soixante-huitard", der aber erstaunlich jung geblieben zu sein scheint. Von Mutter Teresa, Lady Diana und Slobodan Milosevic hat er keine besonders hohe Meinung, und das jugendliche Temperament seiner einschlägigen Abneigungen kommt in seinen Briefen an einen jungen Unruhegeist - von Joachim Kalka gewohnt souverän und brillant ins Deutsche gebracht - denn auch wunderbar zum Ausdruck. Man wünscht sich mehr solcher Altachtundsechziger, die noch nicht in gepflegter Resignation und realpolitischer Vernunft ihrer Staatspension entgegendämmern.

Von Hitchens lernen wir erstens, dass Harmonie nichts taugt, so wenig wie eine Gesellschaft, die den Konsens im politischen Tagesgeschäft und auch sonst zum Glaubensbekenntnis erhebt. Der Streit ist laut Hitchens der Vater aller Dinge, zumindest bewahrt er einen davor, in einem "Disneyland des Geistes" zu leben, "wo aller Streit ein Ende hat und ein allgemeines Gefühl der Zufriedenheit und des Wohlgefallens herrscht". Im Reich der Demokratie kann es nicht um Wellness und Friede, Freude, Eierkuchen gehen, sondern nur um den Streit der Meinungen.

Zweitens lernen wir von ihm, dem Briten, dass Humor nicht unbedingt subversiv ist, oft geradezu das Gegenteil davon. Aus dem Lachen, welches bekanntlich längst zum gesellschaftlichen Pflichtprogramm geworden ist, besonders im Fernsehen und an Fasnacht, hört Hitchens vor allem die höhnische Stimme des Mobs heraus, der johlend Beifall klatscht, wenn es andere erwischt. Nicht dass es Hitchens selber an Humor gebräche. Aber sein Plädoyer gegen das einverständige Lachen und für die Würde des Ernstes hält das humane Wahrheitsmoment fest, dass das Lachen im Kollektiv fast immer vernichtende Züge trägt.