Schwarz wie die Nacht ist die weite Bühne, hinten links aus der Gasse schlägt kaltes Licht eine Schneise, eine weitere Garbe Kalklicht fließt von der Rückwand zur Rampe, streift vier, fünf in der Schwärze verteilte Männer und erhellt einen Steinway-Flügel, der, auf Stelzen hochgebockt, einen Mann präludieren, Noten vertropfen lässt im fahlen Niemandsland. Wir sind in Vendig, heißt es. Sind in gefährlicher Brache; jetzt fängt einer zu reden an, wie eine Sau, nein, treffender wäre: wie ein ausgeklinkter Rap-Jockey beim Kanaksprakwettbewerb; bohrt sich hinein in den Jargon von Kotzsprech und Fackspuck. Eine Zeile – eine Zote, ein Satz – vier Saubeuteleien. Koprolalie nennt man das, oder ist es mehr Genitalolalie? Jedenfalls das große Lalula von Schiss und Piss und dem daneben.

Das rotzt sich so dahin, flutscht nur so, pladdert über die Dielen, spaßig anzuhören (bei aller Kopfschüttelscham), apart exotisch und so versaut wie dennoch vertraut. Je nun, so geht in manchen Kabaretts von heut die Post ab, Porno als Partygeplapper; so geben sie, in den Hüften wippend, Schultern und Hände im Gelenk schlenkernd, voreinander an: Hey, du Sack du, sachma du, fick dich doch selber…

Der da vorn, im Halbdunkel ans Portal gelehnt, ist freilich im Körper statisch, im Kopf stur und starr im Blick, beinah erloschen, während er seine Dreckssalven abschmettert. Es ist Jago, ist der Schauspieler Wolfgang Pregler: dunkle Hose, dunkle Jacke, schwarze Seele – eine gestauchte Stahlfeder, wartet er seitlich aufs Zustoßen, fischig liegen die Augen im Pokerface; weit hinter der Stirn muss es arbeiten bei dem, der’s nur zum Fähnrich brachte, während "das scheißschwule Tuntentalent" Cassio zum Leutnant befördert wurde vom General Othello, dem "Scheiß Schoko".

Der gerechte Killer

Alle nennen ihn "Schoko", dabei ist Othello weiß wie sie, ein bisschen alt schon und schwerleibig, das ja, ein Vorstands-Chef in seiner Freizeit, stiernackig und gern oben rum nackicht unter Hosenträgern. Hat das Senatorstöchterlein Desdemona mit seinen Kriegsschnurren gekirrt. "Er tötet um der gerechten Sache willen", findet sie, wo er meint: "Einer muss der Bluthund sein." Na ja, so leben und so lieben sie, in Venedig wie auf Zypern, dunkel ist es überall, und überall stehen diese schwarz gekleideten Jackettherren im Halbschatten, von denen man nicht weiß, wozu sie auf der Welt sind. Da muss man sich am Manne festhalten, ganz fest, wie Julia Jentsch, die eine selbstgewisse Lolitagöre spielt, ein Fohlen in blonden Strähnen und hellem Hängerkleidchen. "Es erregt mich", sagt sie, "dass er Blut vergießt", und dann springt sie ihm grätschbeinig um die dicken Hüften, oder sie schubst ihn, Stirn gegen Stirn, von der Bühne ins noch Dunklere: Als eine naiv Mutwillige, der niemand Doppelspiel und Ehebruch zutrauen könnte, tobt sie um ihren weißen Knuddelneger rum.

Warum Jago den "wieder auf’n Affenbaum, wo er herkommt, prügeln" will, ist nicht einzusehen. Othello-Boss ist doch ganz umgänglich, kaum, dass Thomas Thiemes Hauchstimme mal böse klingt; sauer ja, auch unwirsch, doch bedrohlich? Den stört der Eifersuchtsgedanke beim Ausspannen, er geht dann beschleunigt hinterm Flügel auf und ab, scheint in der Klemme zu stecken, es ist ja auch alles so zappenduster hier, und keiner weiß genau, was er soll, der Türke ist offenbar längst geschlagen und Zypern sicher, Leutnant Cassio (Stefan Merki) ist keine Hilfe, und ein Lackaffe namens Rodrigo (Bernd Grawert) tanzdribbelt durch die Nacht: I’m singin’ in the dark, doch da singt ja schon Jens Thomas an seinem Zentralflügel, berührt oder rührt die Tasten, je nach Lage, schreit, kräht und schluchzt bei Gelegenheit. Der Musikus in erhabner und erhellter Mitte setzt die Emotionsakkorde, die ansonsten auf kleiner Flamme um ihn lecken; Keith Jarrett was here, da müssen die Schauspieler ihr Mütchen kühler stimmen.

Ein wenig erinnert das an Jazz und Lyrik aus den sechziger Jahren; der Mann am Klavier hört kaum je auf, die Lage zu illustrieren mit seinem Tastenwühlen und Klimperzimbeln und Saiten-Anzupfen im Innern des aufgebahrten Klangkörpers. Ohnehin liegt über der Schwarz-Weiß-Ästhetik (die an Jazz-Fotos erinnert) der kühle Hauch von einst, und wenn gar Jagos schwarze (!) Frau, schlank-rassig (!) auf die Bühne gleitet, erwartet man, sie werde Cocktailbrezeln und Käsehäppchen servieren. Oder es möge nun endlich die Westside Story beginnen.

Schokoherzens Untergang