Karl Marx hat das vorausgesehen und sich dafür den Begriff der »Intensifikation« einfallen lassen. Im Kapital notiert er: »Neben das Maß der Arbeitszeit als ›ausgedehnte Größe‹ tritt jetzt das Maß ihres Verdichtungsgrades.« Die New Economy, bis vor kurzem noch der Hoffnungsträger unserer Wachstumserwartungen, hat die Verdichtung über Vergleichzeitigung zu ihrem Erfolgskriterium erhoben. Das Attribut »new« stützte sich nicht zuletzt auf diesen Sachverhalt. Die gegenwärtigen Krisensymptome liegen auch darin begründet, dass die Mentalität der Bevölkerung sich nicht so schnell gewandelt hat, wie die Protagonisten des wirtschaftlichen Wandels es sich vorgestellt haben.

Dessen ungeachtet, ist vieles in kurzer Zeit anders geworden. Das zeigt die anhaltende Konjunktur des Nebenher. An die Stelle von Kaffee und Kuchen oder der Kaffeepause im Betrieb ist vielfach eine Kultur des Take-away getreten, Caffè Latte, Muffins und Brownies zum Mitnehmen, für unterwegs oder zum Konsum vor dem Bildschirm. Eine solche Daseinsoptimierung findet man auch, wo Menschen sich für Finger Food entscheiden, Fast Food, das es gleichzeitig erlaubt, Zeitung zu lesen, E-Mails zu schreiben, den Rasen zu sprengen oder durchs Fernsehprogramm zu zappen.

Dem Vergleichzeitigungstrend hat auch das Hörbuch seine Blitzkarriere zu verdanken.

Beim Lesen eines Buches ist man ja bedauerlicherweise an einen Sitzplatz gebunden, muss sich auf die Buchstaben konzentrieren und kann die Hände zu nichts anderem als zum Festhalten des Buches und Umblättern der Seiten benutzen. Das gilt heutzutage als untragbare Freiheitsberaubung. Hörbücher dagegen machen den literarischen Genuss kombinierbar mit Hausarbeiten wie Bügeln, Zusammenschrauben von Möbeln oder Zubereiten des Abendessens. Wie Musik im Walkman oder Sprachkassetten – Italienisch in 4 x 30 Minuten – im Auto, kann die Literatur nun nebenher konsumiert werden.

Nicht zuletzt fallen einem die widersprüchlich erscheinenden Mehrfachaktivitäten der derzeit führenden Ordnungsmacht der Welt auf. Hatten die Amerikaner noch vor 60 Jahren über deutschen Städten zuerst Bomben abgeworfen, um nach dem Krieg mit Care-Paketen und Marshallplan den Deutschen wieder auf die Beine zu helfen, so werfen sie heute, wie jüngst im Afghanistan-Krieg, Bomben und Nahrungsmittel gleichzeitig ab. Auch die Planungen für die Irak-Invasion haben sich gleichzeitig auf Zerstörung, Regimewechsel und Wiederaufbau gerichtet. Demgemäß schrieben Nachrichtenmagazine schon vor dem Krieg über »Die Welt nach Saddam«.

In Zeiten des Krieges eskalieren die Gleichzeitigkeitszumutungen und laden sich moralisch auf. Schülervertreter rufen zu Antikriegsdemonstrationen auf mit dem Argument, man könne doch nicht Mathe pauken, während gleichzeitig Krieg geführt werde. Nachrichtensprecher im Fernsehen versuchen hilflos, die vollkommen unübersichtliche Gleichzeitigkeit des Kampfgeschehens auf eine fiktive Reihe zu bekommen. Sie informieren uns, dass die Bombardierung Bagdads punktgenau um 17.42 Uhr begonnen hat. Mit der »Pünktlichkeit« der Angaben verleihen sie der unordentlichen Simultaneität des Krieges eine Pseudostabilität. Aber meistens kommt es dann doch ganz anders.

Bis vor nicht allzu langer Zeit war die Erziehung zur Pünktlichkeit eines der wichtigsten Erziehungsziele. Ab 1770 etwa galten Bürger als »ordentlich«, wenn sie pünktlich