Seit langem gibt es auch den Trend, die Einsatzmöglichkeiten der Uhr zu erweitern. Die Chronometer eines James Bond, die dieser üblicherweise bei seinen Hochgeschwindigkeitsaktionen benutzt, scheinen hierfür das Vorbild abzugeben: Immer wieder rettet sich Bond durch eine technisch ausgefeilte Zusatzfunktion seiner Uhr vor gefräßigen Tieren und schussbereiten Feinden. Dass uns die Uhr vom Bösen befreien wird, ist zweifelsohne ein typisch moderner Mythos. Postmodern hingegen ist es, dass sie zu mehr als nur zur Zeitorientierung verwendet werden kann. Wir können inzwischen Uhren mit Skipass, Internet-fähigem Bildtelefon, Höhen- und Tiefenmesser, Kompass, Thermometer und Pulsmesser und mit noch so manch anderer Zusatzfunktion erwerben. Ausgestattet mit Nachrichtenfunktionen, werden die Uhren selbst zu Agenten der Gleichzeitigkeit.

Natürlich entstehen mit der Vergleichzeitigung nicht nur Freiheiten, sondern auch Zwänge. Durch die Steigerung der Möglichkeiten haben wir auch mehr zu entscheiden. Der Entscheidungsstress wächst. Immer öfter und rascher landen wir in einem Entscheidungsnotstand, der uns zeitlich unter Druck setzt. Darüber hinaus steigen die Belastungen durch die Koordinationsanstrengungen für all das, was uns gleichzeitig an unterschiedlichen Reaktionen abverlangt wird. So will die Lawine der E-Mails und SMS sortiert und verarbeitet werden: private und berufliche Nachrichten, kommerzielle (zum Beispiel – auf privat gemachte – Sex-Mails und SMS) und politische (zum Beispiel Kettenaufrufe zum Protest gegen die USA). Wir müssen binnen einer Stunde eine schwierige Arbeit bewältigen, am Telefon auf ein Problem des Partners eingehen, in E-Mails auf eilige Fragen von Kollegen antworten und in der Weltpolitik Position beziehen. Das lässt sich, wenn überhaupt, nur noch mit kaum mehr zumutbarem Aufwand an Trennungsenergie schaffen. Dabei verliert man nicht selten die Zeit, die man glaubt, gespart zu haben, wieder durch die unumgängliche Zumutung, informationelle Mülltrennung betreiben zu müssen.

Wir gehen postmodern mit diesem Problem um, indem wir versuchen, durch das Nachdenken über die Zeit und Organisieren der Zeit aus den Zwängen der Zeit zu entfliehen. Das gelingt aber nicht, und wird auch nicht gelingen. Denn das Nachdenken über die Zeit und das Organisieren der Zeit sind ihrerseits von jener Hetze infiziert, der wir zu entfliehen versuchen.

Lässt sich diese unvermeidbare Entwicklung der Vergleichzeitigung überhaupt ertragen? Wie werden die Menschen damit leben?

Eine Frage, die sich die Neurophysiologen derzeit stellen. Der Münchner Psychologe und Hirnforscher Ernst Pöppel beispielsweise behauptet: »Das Gehirn ist nicht beliebig plastisch.« Mehrere Dinge könnten nicht mit der gleichen Konzentration getan werden wie eine einzelne Sache. Multi-Tasking sei für unser Gehirn nicht möglich, denn »im Zeitfenster und im Bewusstsein ist immer nur Raum für ein Thema«.

Pöppels pessimistisches Resümee lautet: »Auf Dauer werden wir unsere Aufmerksamkeit durch Multi-Tasking aber gewiss nicht stärken – vielmehr verzetteln wir uns sprichwörtlich und schwächen unsere Konzentrationsfähigkeit.« Darauf weisen auch die vielen kleinen gelben Klebezettel hin, die die Arbeitsplätze und die Vorderfronten der Kühlschränke farbig machen. Solche klebrigen Verlängerungen unseres Gedächtnisses sind nichts anderes als Zeichen des Scheiterns. Sie signalisieren, dass der Mensch nun doch nicht alles gleichzeitig denken kann und dass es ihm beim Merken nicht viel anders geht.

Simultanten brauchen deshalb die Fähigkeit zur kreativen Ignoranz. Sie müssen Dinge auch ignorieren und sein lassen können, ohne aber das, was sie gerade nicht tun, aus dem Blick zu verlieren. Das nötige Umlernen werden in der Zukunft dann nicht mehr Lehrer, sondern Entleerer übernehmen müssen. Mit Zuschüssen der Bundesanstalt für Arbeit kann gerechnet werden.