Diese Woche widmen wir das ganze LEBEN dem Thema "Zeit". Warum jetzt? Warum der Zeit? Weil wir sie uns genommen haben – trotz allem. Denn für die Zeit ist eigentlich nie Zeit. Das beklagt auch die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik, die in einem Manifest neue Zeitkonzepte fordert ( Manifest für andere Zeiten ). Das LEBEN fängt derweil mit dem Ende der Uhr-Zeit an ( Alles zu jeder Zeit ): Nach 500 Jahren lotst uns nicht mehr die Uhr durch den Tag, sondern das Handy, welches dazu beiträgt, dass wir alles gleichzeitig tun. Auch in diese Titelgeschichte ist der Krieg eingebrochen, auch er geschieht gleichzeitig zu allem anderen. Einen Gegenpol findet die These von der hektischen Gleichzeitigkeit bei einem Spaziergang mit Goethe durch das heutige Berlin ( Ich habe einen Traum ), bei dem dieser, in aller Ruhe, unsere beschleunigte Welt ins Auge fasst. Die ganz lange Sicht erlernen wir auch in Halberstadt, wo eine Komposition von John Cage aufgeführt wird, die bis zum Jahr 2640 dauern soll ( Schläft da einer auf seiner Hupe? ); und aus den Erzählungen eines Liebespaares, das seit 54 Jahren gemeinsam glücklich ist ( Fünfzig Jahre Zweisamkeit ). Kurzfristiger denkt der schnellste deutsche Sprinter, dem immer wieder die lebensentscheidenden Zehntelsekunden fehlen ( Marc Blume und die verlorene Zeit ); ebenso der Freund der Pünktlichkeit, der auf eine leidenschaftliche Zuspätkommerin wartet ( Dämonen des Wartens ). Und dann sind da die Fotos von Michael Wesely: keine Momentaufnahmen, sondern Zeitbilder. In seinen Langzeitbelichtungen zeigt Wesely, wie sich alles, was sich bewegt, verflüchtigt. Die Bewegung selbst macht er sichtbar als Schlieren – verewigte Vergänglichkeit. Viele dieser Beiträge verändern unser Zeitgefühl: Ewigkeiten werden zu Augenblicken, Sekunden zu Ewigkeiten. Selbstverständliches wird zur Frage der Zeit. Bei ernsthaften Zeitproblemen wenden Sie sich bitte an die LEBENSHILFE ( Jetzt ist aber gut! ). Wie viel Zeit Sie sich dafür nehmen, müssen Sie selbst entscheiden. Auch ob Sie gleichzeitig essen, Zug fahren oder im Radio das Neueste vom Krieg hören wollen. Die Zeit läuft.