Ich pflege ihn kaum, den Umgang mit der konkreten, der messbaren Zeit. Ich mache einfach selten Gebrauch von ihr. Gut: Gelegentlich werfe ich einen Blick auf die Uhr. Und natürlich habe ich einen Terminkalender. Ich stehe morgens gegen sieben auf. Nachmittags im Sportstudio mache ich fünfunddreißig Minuten lang Zirkeltraining. Ich esse meine Pasta am liebsten al dente, das Frühstücksei eher weich.

Weiter geht meine konkrete Zeiterfahrung im Alltag eigentlich nicht. Und das ist verdammt wenig, verglichen mit einem Busfahrer, Anleihenhändler oder Sprinter. Manchmal, beim Schreiben, manipuliere ich die Zeit, vernichte und verschenke sie. Ich überspringe einen Tag, einen Monat, ein Jahr. Oder ich zerdehne die Minuten, mache ganze Kapitel daraus, sorge dafür, dass die Welt stehen bleibt und der Augenblick zum Bild erstarrt. Andere sind da viel zeitgemäßer. Allein in meinem Bekanntenkreis: ein eBay-Süchtiger, ein Komponist, ein Fotograf. Allesamt Spezialisten auf dem Gebiet der angewandten Zeit. Tage, Takte, Tausendstelsekunden. Und dann ist da noch Nana, der einmal die Woche eine Telefonkarte kauft, um billig in Ghana anzurufen. Für fünf Euro bekommt er siebenundzwanzig Minuten. Zitternd rubbelt er das Codefeld auf. Wie ein Süchtiger konsumiert er die gekaufte Zeit. Je drei Minuten für die Geschwister, fünf für den besten Freund. Der Rest geht an die strenge, sparsame Mutter. Leg jetzt auf, sagt sie. Du solltest lieber essen.

Nana erzählt, dass er manchmal schweigt am Telefon. Dass er nur die Zeit verstreichen lässt. Du bist mir so viel wert, soll das bedeuten. Einen Euro, zwei Euro. Seine Mutter ärgert sich darüber. Redet, weil sie es für Verschwendung hält, selbst wie ein Wasserfall. Oder er sagt, ich vermisse dich, Schwester, ich vermisse dich, Bruder, und rechnet, denkt, dieser Satz hat jetzt soundso viel gekostet. Es ist kein ganz billiger Satz. Vielleicht hält er noch ein bisschen, wenn die Karte längst verbraucht ist.