"Wir steigen aus und steuern auf einen Bockwurststand zu. Goethe hat Hunger und lässt sich den Ausdruck ›Fast Food‹ erläutern. Später, auf dem Bahnsteig, die Frage nach der Höchstgeschwindigkeit der ICE-Züge. Goethe ist für einen Augenblick sprachlos"

Der 27. August des vergangenen Jahres war nicht mein Tag. Er war hektisch. Fast alles lief anders als geplant. Und abends hatte ich im ungeordneten Bücherschrank noch lange vergeblich nach der Fundstelle eines Zitats gefahndet. Kurz vor Mitternacht läutete dann plötzlich jemand an der Haustür. Nur kurz und nur einmal. Vielleicht hatte sich jemand einen Scherz erlaubt?

Auch die Nacht war diesmal nicht meine Nacht. Normalerweise bin ich ein vergesslicher Träumer. Diesmal aber erinnere ich mich genau: Mein Traum begann dort, wo ich die Wirklichkeit kurz vor Mitternacht verlassen hatte. Irgendjemand musste die Tür geöffnet haben, denn vor mir stand der schon vor Jahrzehnten verstorbene Internatsdirektor meiner Schulzeit. Er winkte mir, ihm zu folgen, und zog mich hinter sich her durch einen langen unterirdischen Gang, dann durch einen dunklen Kinosaal, wo auf einer Leinwand unzusammenhängende Bildsequenzen vorüberhuschten, bis wir plötzlich in einen matt beleuchteten Raum gelangten. Das Klassenzimmer meiner Abiturzeit. Der Raum war leer. Nur vorn, auf dem Tisch des Klassenlehrers, ruhte ein Mann, der auf mich zu warten schien. Der Direktor zeigte auf den ruhenden Mann und flüsterte: "Das ist Goethe, von Tischbein gemalt. Er hat heute Ausgang. Es ist sein Geburtstag. Sie dürfen ihn begleiten."

Als ich widersprechen will, erhebt sich der berühmte Frankfurter. Er kommt langsam auf mich zu. Dann steht er vor mir mit seinem langen weißen Reisemantel und dem großen Schlapphut der italienischen Reise. Er entschuldigt seine Kleidung mit den Worten: "Verweile nicht, und sei Dir selbst ein Traum. Und wie Du reisest, grüße jeden Raum." Dann öffnet er die Tür und tritt aus dem Klassenzimmer hinaus in den Kinosaal. Dort die große Überraschung: die rasende Bilderflut. Goethe hält das Ganze für Magie und erinnert sich an seinen ungeduldigen Faust, dem Mephisto die Instrumente der entfesselten Beschleunigungs- und Wachstumsdynamik schon angedient hat: den schnellen Degen, den schnellen Mantel, das schnelle Geld, den schnellen Mord. Nun die virtuellen Welten schneller Videoclips mit dem Arsenal von Walpurgisnächten aller Art. Hier erscheinen sie ihm unerträglich, diese immer rascher wechselnden Bildsequenzen der faustischen Beschleunigungskultur mit Luzifer als dem Artifex der damaligen kaiserlichen Spaß- und Unterhaltungsgesellschaft, die sich bereits im Zeichen grandioser Oberflächlichkeit zu Tode amüsierte.

Für Goethe ist das jetzt zu viel. Er wehrt sich gegen die Adaptation seiner Sinne an eine rasant beschleunigte Wahrnehmung. Er will raus. Wir stolpern über eine Rolltreppe ins Freie. Am Ausgang erregt seine Kleidung Aufmerksamkeit bei einigen Passanten. Keiner erkennt ihn. Er ist sichtlich enttäuscht. Wir nehmen ein Taxi, dessen Fahrtempo Goethe offenbar nicht überrascht. Er memoriert beiläufig eine Stelle aus seinem Brief an den bayerischen König LudwigI.: "Einer eingepackten Ware gleich schießt der Mensch durch die schönsten Landschaften. Länder lernt er keine mehr kennen".

Ich versuche, mich zu orientieren. Um meine Ortsunkenntnis zu tarnen, habe ich eine für alle Städte gültige neutrale Adresse genannt. Den Taxifahrer hat sie offenbar in Verlegenheit gebracht, denn er entschuldigt sich jetzt in gebrochenem Deutsch. Er fürchtet, die falsche Adresse angesteuert zu haben, und erkundigt sich vorsorglich noch einmal. Er sei aus dem Iran. Goethe ist plötzlich hellwach und wird zunehmend gesprächig. Er habe früh, aus einer lateinischen Ausgabe des Korans, die 6. Sure übersetzt und sich später in arabischen Schreibübungen versucht. Er habe den Islam mit seiner "unbedingten Ergebung in den Willen Gottes" bewundert als die dem ruhelosen Okzident entgegengesetzte Religion im Zeichen einer alles beruhigenden "Zuversicht und Ergebung". Ja, er habe sogar an einem mohammedanischen Gottesdienst teilgenommen. Damals, 1814, als baschkirische Soldaten aus dem gegen Napoleon verbündeten Russland nach Weimar gekommen waren.

Allmählich wird deutlich, dass wir uns in Berlin befinden. Goethe ist verärgert. Schon 1766, als er noch in Leipzig studierte, habe er über Berlin notiert, "daß jetzo in ganz Europa kein so gottloser Ort" zu finden sei. Einer bekannten Dichterin in Berlin habe er mitgeteilt, dass er "gern Lot und seine Hausgenossen in ihrem Sodom wohl einmal grüßen möchte".

Wir passieren einen Kiosk. Goethe blickt durch die offene Tür auf die Zeitungen. Er erinnert sich, dass er sie damals abbestellt habe. Er habe 1825 seinem Großneffen Nicolovius in Berlin mitgeteilt: "Für das größte Unheil unsrer Zeit, die nichts reif werden läßt, muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut, und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen. Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der Übrigen; und so springt’s von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch."