Für einen Racheengel hat Howard Leach eine viel zu gepflegte Erscheinung. Als der grau melierte Veteran der US Air Force im Sommer 2001 zum amerikanischen Botschafter in Paris ernannt wurde, gab ihm Präsident George W. Bush den ausdrücklichen Wunsch mit auf den Weg, er möge sich um den "Ausbau der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen" kümmern. Doch seitdem sein Gastland auf Kollisionskurs zur amerikanischen Außenpolitik gegangen ist, verfolgt der Diplomat, der zuvor als erfolgreicher Unternehmer in der US-Lebensmittelbranche arbeitete, seine Mission auf etwas andere Weise.

Seit Wochen warnt der 72-jährige Leach in Zeitungsartikeln und Fernsehinterviews davor, dass Washington die französische Blockadepolitik im UN-Sicherheitsrat als "sehr unfreundlich" empfinde und dass der transatlantische Handel leiden könne. Bei seinem jüngsten Auftritt vergangene Woche im prachtvollen Pariser Hôtel Rothschild, in dem die ehrwürdige Union Interalliée seit 1918 die französischen Auslandsbeziehungen pflegt, legte er nach: "Mit Waren im Wert von 26,12 Milliarden Euro, die französische Firmen in die USA exportieren, ist Frankreich der neuntgrößte US-Lieferant weltweit." Doch das sei nur ein kleiner Teil dessen, was die Kapitalverflechtungen und Direktinvestitionen ausmachten. Fast eine Million Jobs hingen auf beiden Seiten davon ab.

Weit weniger diplomatisch versuchen etliche national gesinnte Vorkämpfer in den USA den Gegnern des amerikanisch-britischen Alleingangs im Irak einzuheizen. So wütet Michael Ledeen vom American Enterprise Institute in Washington, einer der intellektuellen Scharfmacher um George W. Bush: "Weil Frankreich zum strategischen Gegner der USA geworden ist, wird das Land nun die Wut der Amerikaner kennen lernen." Er nimmt sogar Staatspräsident Chirac ins Visier: "Er hat Saddam ermutigt, was jetzt vielen unserer Soldaten das Leben kostet." Diese Wunden würden erst verheilen, wenn Chirac abgetreten sei.

Zu den Ersten, die im Februar zum Produktboykott aufriefen und die Kennzeichnung von französischem Wein und Mineralwasser mit orangefarbenen Aufklebern forderten, gehörte Dennis Hastert, der Sprecher des US-Repräsentantenhauses. Zur gleichen Zeit erschienen die ersten Fernsehbilder von Restaurantbesitzern, die edle Bordeaux-Weine und Champagner in den Gulli gossen.

Mitte Februar veröffentlichte das Boulevardblatt New York Post dann ein Editorial mit direkten Kaufanweisungen: "Konsumieren Sie keinen französischen Wein, kein Mineralwasser und keinen Käse mehr. Dasselbe gilt für deutsche Produkte. Wenn Sie reich sind, kaufen Sie keinen Mercedes, sondern lieber einen Jaguar oder Cadillac. Wenn Sie nicht reich sind, kaufen Sie keinen Volkswagen, sondern einen Ford."

In der Washington Post und in der New York Times legte die Firma NewsMax.com aus Florida mit einer Anzeige nach, in der hundert französische Firmen namentlich auf den Index gesetzt wurden. Die Agentur, die von Christopher Ruddy geleitet wird, einem ehemaligen Boulevardreporter, der zum ultrakonservativen Unterstützerkreis des US-Präsidenten gehört, gab den Amerikanern genaue Instruktionen. Es folgte eine alphabetische Liste: von Airbus, Air France, Alcatel, BNP, Bic, Bollinger, Club Med, Goodrich, Michelin, Thomson, RCA, Reed Roof Inns, Technicolor, Tefal, Total, Vivendi bis hin zu Zodiac-Schlauchbooten.

Besorgt zitierte die Pariser Le Monde die Direktorin der französisch-amerikanischen Handelskammer in Chicago Chantal Glass, die jeden Tag mit bösen Briefen und E-Mails überschüttet wird: "Ich habe in meinen 27 Jahren in den USA einen solchen Aufruhr noch nicht erlebt." Dabei sei die Verbitterung nicht auf Washington beschränkt: "Bei den einfachen Amerikanern geht das noch viel tiefer."

Wenn solche Appelle an den amerikanischen Patriotismus einen Käuferstreik auslösen können, trifft er zuerst die französischen Konsum- und Luxusgüter, die den Amerikanern 2001 rund 4,8 Milliarden Euro wert waren. Allein der Kosmetikriese L’Oreal setzt ein Drittel seiner Shampoos und Lippenstifte in Amerika ab, beim Modekonzern Gucci sind es 40 Prozent. Zwar wiegelt Louis-Régis Affre vom Verband der französischen Weinexporteure ab: "Die Handelsbeziehungen mit Amerika waren bislang sehr gut." Aber die gezielten Provokationen und Gefühlsausbrüche amerikanischer Konsumenten beobachte man "mit Sorge". Auch die französische Tourismusbranche fürchtet Schlimmes. Schon im vergangenen Jahr war die Zahl der amerikanischen Frankreichbesucher als Folge der Attentate vom 11. September um 18 Prozent auf nur noch 2,9 Millionen zurückgegangen. Jetzt werden noch größere Ausfälle erwartet.