Als der Krieg ausbrach, schliefen die Buckower Kinder den Schlaf der Gerechten. Was die Bagdader Kinder taten, wissen wir Gott sei Dank nicht so genau. Denn wenn der Mensch zu viel weiß, dann wird es gefährlich, und Unwissen ist ein sanftes Ruhekissen, schließlich leben wir nicht mehr im Jahr 1953, als ein mutiger Bertolt Brecht in seinem Buckower Gartenhaus saß und schrieb: "Freunde, ich wünschte, ihr wüßtet die Wahrheit und sagtet sie! / Nicht wie fliehende müde Cäsaren / So wie Lenin: Morgen abend sind wir verloren, wenn nicht… ".

Mittlerweile sind solche Konditionalsätze außer Mode, aber das Wenige, was man vom Krieg weiß, ist deprimierend genug: Als vergangene Woche die Kinder des Buckower Kindergartens zum Wassertreten ins Becken stiegen, was sie täglich tun, damit sie zur Mittagsschlafenszeit erschöpft in ihre Betten fallen, da wurde in Basra bereits das Trinkwasser knapp. Wenn Krieg ausbricht, dann ist die Zerrüttung der Welt noch offenkundiger als sonst, dann ahnt selbst der tapferste deutsche Antikriegsdemonstrant, dass man zwar den Dienst an der Waffe verweigern, aber der Einsicht nicht entfliehen kann: Dem einen Teil der Menschheit geht es an den Kragen, während der andere Teil seine Osterferien plant. Für die Reisebranche bedeutet das, dass der deutsche Urlauber plötzlich vor uralten geopolitischen Widersprüchen erschrickt. Dann storniert er seinen Billigflug und erwägt, die Ferien diesmal in der Märkischen Schweiz zu verbringen.

Die Tourismusverbände haben ein bundesweites Umsichgreifen von Heimatverbundenheit für diesen Sommer prognostiziert, und es werden womöglich Orte wie Buckow sein, auf die die frisch zum Lokalpatriotismus konvertierten Pauschalreisenden sich stürzen. Denn erstens braucht man, um nach Buckow zu gelangen, kein Flugzeug. Man setzt sich ins Auto, fährt vom Berliner Fernsehturm aus schnurgerade Richtung Osten, und nach 60 Kilometern hat man den einzigen Kneipp-Kurort Brandenburgs erreicht. Zweitens ist Buckow der Prototyp eines Rückzugsgebietes. Hier gibt es keine Exil-Iraker, keine Demos und bloß einen einzigen Bäcker. Hier muss man nur lauschen, wie still es mittags im Kneipp-Kindergarten ist, um sicherzugehen, dass einen die böse, hyperaktive Welt so schnell nicht einholen wird.

Die Kleinstadt Buckow ist ein ordentlich aufgeräumtes, hügeliges Dorf mit hübschen Häusern und staubigen Wegen, gelegentlichem Kopfsteinpflaster und guter Luft. Reichlich mit Bäumen ausgestattet und von Seen umgeben, genügt es dem obersten Kriterium von Sebastian Kneipps Lebensphilosphie: natürliche Schlichtheit. Gemeint ist damit bei Kneipp aber nicht nur die Schlichtheit der Mittel, die zu einem glücklichen, weil gesunden Leben führen, sondern auch die heilige Einfalt der dazugehörigen Maximen, beispielsweise: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott! In Brechts Buckower Elegien klingt die Begeisterung für das Schlichte zwar lakonischer, aber ganz ähnlich tüchtig, züchtig und naturverbunden: "Ginge da ein Wind / Könnte ich ein Segel stellen. / Wäre da kein Segel / Machte ich eines aus Stecken und Plane."

Kneipp allerdings hätte sein Lob des praktischen Selbsthelfertums niemals konjunktivisch formuliert, sondern stets als kategorischen Imperativ. Sein wichtigstes Buch neben dem Band Meine Wasserkur heißt So sollt ihr leben. Ratschläge trägt der Pastor stets mit einer Mischung aus Aufklärungsoptimismus und missionarischem Eifer vor. Seine gleichnishaften Alltagsberichte und blumigen Kommentare zu den krank machenden Folgen neumodischer Lebensführung lassen sich immer auf eingängige Bannformeln bringen: Wenn du Fieber hast, mache Wadenwickel. Bei Ohrensausen gieße dir kaltes Wasser über den Kopf. Und aller anderen Unbill beuge vor, indem du einmal täglich Schuhe und Strümpfe ausziehst, die Hosen hochkrempelst und nach Storchenart eine halbe Minute lang durch den nächstgelegenen Tümpel watest. – Viel mehr passiert beim Wassertreten nicht: Man sucht sich einen sauberen Bach oder einen flachufrigen See (notfalls einen Eimer) und benutzt ihn wie oben beschrieben. Im Buckower Kneipp-Kindergarten soll diese Maßnahme schon nach einem halben Jahr enorm geholfen haben.

Dass auch die zwangsweise im Lande bleibenden Sommerurlauber demnächst ihre Liebe zu solchen kindlichen Vergnügungen entdecken könnten, dafür spricht erstens die seuchenartig sich ausbreitende Wellness-Begeisterung und zweitens das nicht minder rasch anwachsende Chaos konkurrierender Salben, Algen, Aromatherapien. Da klingt Wassertreten wie das rettende Lösungswort. Und wonach sonst sehnt sich denn im Moment alle Welt, wenn nicht nach Urlaub von sich selbst: dass die Konflikte weniger kompliziert wären und Frieden sich herbeidemonstrieren ließe. Als neulich Krieg ausbrach, da zogen Hamburger Kinder vor die amerikanische Botschaft, und ein paar bewarfen die Polizei mit Steinen, woraufhin die Polizei mit Wasserwerfern zurückschoss. Wer getroffen wurde, kann die befreiende Wirkung kalter Güsse bestätigen: Plötzlich war klar, wo der Feind stand. Plötzlich eröffnete sich ein Nebenkriegsschauplatz, so übersichtlich wie ein Brechtsches Lehrstück.

"Das große Carthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten." Ein Plakat mit dieser jetzt auf Berliner Straßen wieder populären Sentenz kann man in jenem Buckower Landhaus kaufen, das für Helene Weigel und Bertolt Brecht seit 1952 Sommerwohnsitz war. Wie vor 50 Jahren blickt das heutige Museum mit seinen hohen Fenstern direkt auf den Schermützelsee, und im Garten stehen noch immer die Silberpappeln, die Brecht in den Buckower Elegien verewigt hat. Wenn man an einem Frühlingstag auf der Wiese steht, rechter Hand das kleine Gebäude, wo der als ungewaschen verschrieene Dichter am Schreibtisch saß, während die Weigel im Haupthaus rumorte – wenn man allein ist mit der Sonne, die einem den ganzen Nachmittag ins Gesicht scheint, dann weiß man, wie ein Rückzugsort aussehen muss. In Buckow könne sie völlig vergessen, "was los ist", hat Helene Weigel gesagt und aufgezählt, was im ländlichen Exil wichtig war – "Kochen, Pilze suchen, Schwimmen, Kreuzworträtsel, Kriminalromane".

Für Brecht lag die märkische Zuflucht aber nie außerhalb der großen Politik. Seine Buckower Elegien , entstanden im Juni 1953, als die DDR in ihre erste Krise geriet, sind letztlich ein Zyklus politischer Gedichte, kurz und kalt und aufmunternd wie ein Kneipp-Guss. Wenn Brecht 1953 noch an die Heilbarkeit der Welt glaubte, dann keinesfalls an die Flucht ins Private. Exzessive Beschäftigung mit sich selbst, wie die Vordenker der Wellness-Bewegung sie predigen, war dem erprobten Exilanten bei aller Eitelkeit fremd. Sein schlichtes Buckow hatte nichts zu tun mit jener militanten Form von Regression, die ausgerechnet jetzt von der Bild- Zeitung propagiert wird. Mit weichgezeichneten Wochenendurlaubslandschaften wirbt sie dafür, den Krieg Krieg sein zu lassen und die eigene Mitte zu suchen. "Höre auf die leise Stimme deiner Sehnsucht" steht über dem Foto eines Bootssteges, der, Schilf inklusive, haargenau so aussieht wie bei Brecht in Buckow. Dort bleibt man jedoch von den Beschwörungsformeln der tumben Wohlfühl-Esoterik noch verschont. Das Höchste an Ideologie, womit man auf einer Kneipp-Wanderung behelligt wird, sind Merksätze wie: "Der beste Weg zur Gesundheit ist der Fußweg." Und während man seine Unterarme in kaltes Wasser taucht, erfährt man, dass dies "die Tasse Kaffee der Naturheilkunde" sei.