Als Präsident Bush in der letzten Woche verlauten ließ, er habe kein Verständnis für eine Medienberichterstattung, die beim Feldzug gegen den Irak mehr die Probleme als die Erfolge beleuchte, hat er das von Noam Chomsky seit Jahren verfochtene "Propaganda-Modell" unverhohlen bestätigt. Chomsky hatte einen aktuellen Beleg für seine These, dass eine konservative Administration die Medien als Propaganda-Agentur betrachtet, die die "Interessen der Mächtigen (zu) schützen" habe, "ohne deshalb die Regierenden in jedem Fall vor Kritik zu bewahren". Der dialektische Sprung dieses Satzes wertet auch die Kritik am Massaker von Mylai und an der Bombardierung Bagdads als stabilisierende Elemente einer monströsen Gehirnwaschanlage.

Chomsky, inzwischen 84, hat sein Leben lang Belege für diese These zusammengetragen. Er breitet sie in diesem Buch, das in Deutschland bislang nicht erschienene Aufsätze und Lectures bündelt, zu einem Zeitpunkt aus, da - so Herausgeber Michael Haupt - zu befürchten sei, dass der Krieg gegen den Irak "neues Anschauungsmaterial für die Gültigkeit des Propaganda-Modells der Medien liefern wird". Chomskys Argumentationslinie beginnt bei den erfolgreichen PR-Aktionen der Creel-Commission, die 1916 einen nationalen Konsens für den Kriegseintritt gegen Deutschland organisierte, und führt von der Klage des Reagan-Unterstützers Norman Podhoretz über die "krankhafte Hemmung gegenüber der Anwendung militärischer Gewalt" bis zu den Frontmännern von Fox News und dem Radiomarktführer Clear Channel, die in ihren Programmen begeistert Kriegspropaganda betreiben.

Chomskys Media Control ist ein Kompendium der militärischen Einsätze der USA in Asien und Mittelamerika und ein Buch der Empörung über eine stets an den politischen und wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten orientierte Verwendung moralischer Schlagworte - in der Politik und den Medien. Als Moralist stand Chomsky stets auf der Seite der Protestbewegung.

Er war Anfeuerer der Vietnam-Demonstranten und hat inzwischen Prophetenstatus bei den Globalisierungsgegnern. Auch in diesem Buch bleibt er der alte Weltverbesserer, der Investitionsentscheidungen und Arbeitsorganisation zum Wohle der Menschheit am liebsten verstaatlichen möchte, der aber altersweise auch anerkennt, dass die von ihm so lange konstatierten Manipulationsmechanismen längst nicht mehr unangefochten funktionieren.

Chomsky über die Veränderungen: "Das alles geht fast gletscherhaft langsam voran, aber es ist sichtbar und wichtig." Heute sendet CNN Bilder aus Bagdad von al-Dschasira. Wahrscheinlich wären auch Filme wie Wag the Dog und Bowling for Columbine ohne Chomskys jahrzehntelange Provokationen gar nicht möglich und erfolgreich gewesen. Und Michael Moore predigt bei der Oscar-Verleihung gegen den amerikanischen Präsidenten. Das Propaganda-Modell funktioniert nun auch anders herum: Chomsky goes Hollywood.

Noam Chomsky: Media Control Von Macht und Medien - aus dem Englischen von Michael Haupt - Europa Verlag, Hamburg/Wien 2003 - 256 S., 19,90 e