Klischees pflastern den Weg des Blues-Manns. Der Staub, der an seinen Stiefeln klebt, gehört ebenso dazu wie der schwarze Mantel, die ewig durstige Kehle und die insgesamt rastlose Natur. Idealerweise hat er dem Teufel seine Seele verkauft, der ihn dafür durch Freudenhäuser und Gefängnisse schickt, auf dass er die Melodien des Lebens erlerne. Nichts davon trifft auf Jack White zu.

Jack White ist ein Milchgesicht, das keine Erziehungsanstalt von innen gesehen hat, die eigene Familie ausgenommen. An sozialen Härteerfahrungen kann er allenfalls mit einer Jugend im mexikanischen Viertel Detroits aufwarten. Auch von Drogenexzessen ist nichts bekannt. Mit der unmodischen Mäxchenfrisur und seiner Vorliebe für die Farben Rot und Weiß wirkt er eher wie der stille Junge, der in der Schule seiner abseitigen Hobbys wegen gehänselt wird. Und trotzdem – oder deswegen – hat er den Blues.

Es ist ein Blues, der ihn eines schönen Kindheitsabends erreichte wie ein sehr entfernter Funkspruch. Oft hat Jack White die Geschichte seiner Initiation erzählt: Ein schwarzer Mann sei ihm auf der Scheibe des Fernsehapparats erschienen, der mit drei Tönen eine ganze Welt auszudrücken verstand. Nicht Gesicht noch Namen sind in Erinnerung geblieben, nur diese wiederkehrenden, immer gleichen, magischen drei Töne. Da wusste er, dass die Kraft in der Beschränkung liegt, und ging hin, mit Schwester Meg White eine Band zu gründen.

Roh klingt die Musik, die die beiden seither unter dem Namen White Stripes produzieren: als sei der Blues in die Hände großer Kinder gefallen, die sich mit Resten pubertärer Energie an ihm zu schaffen machen. Grob nur sind die Akkorde verlötet, Meg Whites Schlagzeug scheppert rudimentär, auf den Bass wurde gleich ganz verzichtet, um nur ja nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, man wolle sich beim Zeitgeist anbiedern. Elektroblues in Fingerfarben – eine unwahrscheinliche Gründungsidee, Kredite hätte es dafür bis vor kurzem nicht gegeben. Die Fans allerdings verstanden die Botschaft. Und verstehen sie immer besser.

Wenig Popalben sind in den letzten Jahren so hysterisch erwartet worden wie Elephant, die vierte White-Stripes-CD. In Internet-Chats fieberte die Gemeinde dem Erscheinen entgegen, Homestorys in den Musikmagazinen gingen der Frage nach, ob Jack und Meg dem Erwartungsdruck gewachsen sein würden. Vom Einsatz originalen Sixties-Equipments in einem Londoner Studio war zu lesen und den lächerlich niedrigen Produktionskosten von 6000 englischen Pfund (die letzte Michael-Jackson-Platte kostete 30 Millionen Dollar). Andere beleuchteten die Stellung der White Stripes im so genannten New Rock Movement um Bands wie die Strokes, die Vines und die Hives. Mit Zahlen allerdings lässt sich der Erfolg so wenig begreifen wie mit der Musik allein.

Es ist die pathetische Geste des Wiederentdeckens, die ankommt. Wo andere den Spaß am Rock ’n’ Roll für eine neue Generation recyceln, gehen die White Stripes zurück zu einer Ära, die keine Überlebenden mehr kennt, bloß Dokumente in Form klingender runder Scheiben. Am Grund der Archive, wo die Schellackplatten knistern, finden sie eine Welt, in der die Freundinnen noch "Sweethearts" heißen und die Bibel unterm Arm den Priester ersetzt. Liebend gern wäre Jack White ein Bewohner dieses mythischen Zeitalters, und er arbeitet hart daran, es eines Tages dorthin zu schaffen.

Dutzende von Interviews gibt es mittlerweile, in denen er seiner Verachtung für Mobiltelefone freien Lauf ließ. Auch sonst verheißt ihm die Gegenwart mit ihrem Overkill an Technik nichts Gutes. Besprechungsexemplare von Elephant wurden ausschließlich als Vinylpressung verschickt, weil nur Menschen, die noch im Besitz eines Plattenspielers sind, in seinen Augen würdig über die Musik urteilen können. Manchmal benutzt er Wörter wie "Schicksal" oder "Schmerz". Antimodernismus als letzter Schrei der Popmoderne: Bei den MTV Movie Awards neulich in Hollywood wirkten die Stripes wie die seltsamste Band dieses Planeten.

Das gefällt vor allem denen, deren täglich Brot solche Veranstaltungen sind. Jack und Meg White werden als (Anti-)Helden gefeiert, weil sie Entertainmentmüde auf unterhaltsame Weise an eine Welt vor der Unterhaltung erinnern. Wer schon etwas länger im Geschäft ist, denkt an den Protest der Folk-Bewegung, die in den frühen Sechzigern aus verschollenen Aufnahmen die Stimme eines besseren Amerika heraushörte, doch geht die Front hier nicht nur auf den Konsumismus der eigenen Generation. Attackiert werden auch alle Untaten, die von den Vorgängern im Namen des Blues begangen wurden.