Wir müssen erkennen, dass das Leben sich nicht in der linearen Zeit der Fahrpläne entfaltet, sondern ornamental, in Brüchen und Sprüngen: ob beim Verliebtsein, Kranksein oder Arbeiten. Die Rationalisierung der Zeit macht alles leblos und vieles unwirksam. Beispiel Pflege: Statt einen nach dem anderen abzufertigen, braucht man einfach Zeit. Das Pflegewesen wird Thema der großen Jahrestagung im Oktober 2003 sein.

In Italien ist es vor drei Jahren schon Gesetz geworden: Die Zeiten der Familien müssen mit den Zeiten der Stadt (Ämter, Verkehr, Kinderbetreuung) vereinbart werden. Jede Stadt ab 30000 Einwohnern erhält ein Zeitbüro, das Rathaus erstellt nicht nur Flächen-, sondern auch Zeitnutzungspläne. In Frankreich gibt es Zeitbüros in Paris, Belfort, Lyon und Poitier. In Deutschland öffnete das erste Zeitbüro vor sechs Jahren in Bremen, mittlerweile gibt es in einem Dutzend Kommunen offizielle Zeitexperimente. Die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik wurde im Oktober 2002 ins Leben gerufen. Die Zeit braucht eine starke Lobby, dann können wir den Menschen die Zeit geben, die sie brauchen.

Die Einführung des Zehnstundentages begrüßte Marx im Kapital noch als Sieg des Prinzips über die Ökonomie. Der Kommunismus war eigentlich die Utopie einer dritten Zeit: Zwischen Arbeiten und Schlafen sollte Zeit sein für Bildung, Liebe – das nicht Notwendige. Doch die soziale Bewegung wurde immer mehr zur Lohnmaschine, und die Zeit, die die industrielle Produktion uns sparen half, wurde uns gleich wieder genommen.

Die Taktgeber sagen: Ab dann ist zu, ab dann ist auf. Als Behördenleiter, Ladeninhaber und Vertreter der Beschäftigten haben sie Macht über die Zeit. Die Taktnehmer – Bürger, Kunden, Reisende, also wir alle – bleiben außen vor. Die Ladenschlussfrage wird seit je aufs Materielle reduziert: Bringen längere Öffnungszeiten mehr Umsatz und Beschäftigung? Dabei geht es um Lebensqualität, um unsere Städte! Sie sind von sozialer Verelendung und abendlicher Verödung bedroht. Das ist auch eine Frage der Zeit!

Um Staus zu verhindern, können Schulen und Betriebe ihre Zeiten staffeln (Desynchronisation). Taktnehmer und Taktgeber bilden in jeder Stadt Zeitpakte, Demokratie von unten. Die Gesetze des Bundes brauchen Experimentierklauseln. Die Zeit muss wieder vor Ort geregelt werden.

Im italienischen Modena ist es schon Realität, die Geschäftsfrauen haben es unter sich verabredet: An jedem Abend, in jedem Viertel ist ein Laden bis 22 Uhr geöffnet. Das ist ein Modell auch für unsere Supermärkte, Sportstätten und Kitas.