Noch ist der Krieg nicht zu Ende, doch kann man eines bereits jetzt voraussagen: Das ganz große Rechthaben bleibt uns erspart. Die amerikanische Hoffnung, man werde nach schnellem, chirurgischem Krieg von der irakischen Bevölkerung als Befreier bejubelt, hat sich so nicht erfüllt. Und auch der alteuropäische Defätismus, der die US-Armee schon vor einem zweiten Vietnam und die ganze Region in Flammen wähnte, wird sich nicht bewahrheiten. Eine Situation, in der beide Seiten mit dem Finger aufeinander zeigen und der Bruch sich weiter vertieft, wird es kaum geben.

Doch auch so ist die Spaltung zwischen Alter und Neuer Welt, wie zwischen Alt- und Neueuropäern dramatisch genug. Kleine diplomatische Bemühungen werden da wenig helfen. Ein bisschen UN-Einfluss beim Wiederaufbau des Iraks, dazu ein paar deutsche Polizisten – das kann den Bruch nicht heilen. Auch die Lockrufe der Nato-Freunde werden in Washington überhört. Doch wenn die Nato künftig mehr sein soll als ein Wehr- und Wertemuseum des letzten Jahrhunderts, dann braucht sie einen von allen geteilten Realismus angesichts neuer Bedrohung. Und wenn es "den" Westen wieder geben soll, dann reichen dafür weder schöne Erinnerungen noch gute Geschäfte, dann muss er wieder ein Ziel haben. Vielleicht sogar einen alle verbindenden Idealismus.

Hinter dem Streit, ob es sich lohnt, wegen einigen tausend Litern Giftgas Krieg gegen Saddam Hussein zu führen, steckten von Beginn an gegensätzliche Auffassungen von den Gefahren. Die Amerikaner – um ihr erstes Argument zu nennen – waren überzeugt, Saddam Hussein werde auf dem Weg der Inspektionen niemals alle Waffen preisgeben. Und sie befürchteten, dass er mit Terroristen zusammenarbeiten würde. Doch diese Schreckensvision hat die Europäer nie wirklich berührt. Die unschöne Wahrheit lautet: Europa fühlt sich von Osama bin Laden kaum bedroht. Und der Krieg verschärft diese Unterschiede. Er bringt die Amerikaner noch mehr ins Schussfeld des Terrorismus.

Beschwichtiger waren viele Europäer schon im Kalten Krieg – aus gutem Grund: Wäre der Krieg heiß geworden, dann wären sie die ersten Opfer gewesen. Damals waren wir Entspannungspolitiker, weil wir am meisten bedroht waren. Heute hingegen sind wir Appeaser gegenüber den arabischen Staaten, weil wir uns am wenigsten bedroht fühlen. Solidarisch ist das nicht. Man kann in Berlin oder Paris allerlei kalkulieren – aber dann sollte man die transatlantische Rhetorik einstellen.

Hinter dem Streit darüber, ob Krieg die richtige Methode ist, verbirgt sich die Frage, welche Ziele man im Nahen Osten verfolgt. Wer heute in Berlin nach einer Antwort sucht, hört immer dasselbe: Nun müssten die Alteuropäer den USA bei der Stabilisierung der Region helfen. Was für ein Missverständnis: Die Amerikaner wollen den Nahen Osten nicht stabilisieren. Sie wollen ihn so umgestalten, dass er keine Quelle mehr ist für staatlich geförderten Terrorismus. Weil klassische Rüstungskontrolle bei globalisiertem Terrorismus versagt, zielen sie auf Regimewechsel. In der Tat, nur bei Regierungen, die kein Interesse daran haben, dem Westen zu schaden, kann man sicher sein. Und diese Gewissheit bieten, so die Amerikaner, nur befreundete, am besten demokratische Regime. Das ist neu. Darin liegt eine große Chance, wenn die USA tatsächlich mehr durchsetzen wollen als ihre alte Machtpolitik in neuem Gewande – und wenn die Europäer sie hier beim Wort nehmen, anstatt sich vor der Veränderung mehr zu fürchten als vor dem Terrorismus.

Sicher haben Schröder und Chirac Recht: Krieg ist das letzte Mittel, um einem Volk Demokratie zu bringen. Dafür schafft er zu viel Leid, und er reizt den patriotischen Stolz der Menschen gegen ihren Freiheitswillen auf. Andererseits wirkt es allzu abgeklärt, wenn Joschka Fischer konstatiert, Demokratie könne nie von außen kommen: "Das muss das irakische Volk selber schaffen." Die Deutschen haben es auch nicht selber geschafft. Vielleicht weiß Fischer, wie man es als Volk so macht, sich einer mörderischen Diktatur zu entledigen – wenn von außen nur zwei Interessen an dem Land bestehen: Erdöl und Stabilität. Als ob es zwischen Veränderung durch Krieg und Stabilisierung von Diktaturen nichts gäbe.

Die Europäer, die sich gegenüber dem momentanen revolutionären Elan der Amerikaner so realistisch aufführen, sind im Grunde Illusionisten. Dabei sollten sie doch wissen: Der Mittlere Osten ist halbwegs stabil – weil bislang niemand massiv gegen seinen Terror-Export vorgegangen ist. Und er bleibt nur so lange stabil, wie die Selbstbestechung durch Erdöl funktioniert. Stabil sind die arabischen Despotien nur um einen hohen Preis – den Preis der Repression im eigenen Land. Und anders als in China, in dem vielleicht irgendwann marktwirtschaftliche Verhältnisse auch eine liberale Gesellschaft ermöglichen, gibt es in Arabien kaum Anzeichen einer Besserung. Die Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern brächte zwar Erleichterung, der Schlüssel zur Öffnung der Region wäre sie jedoch nicht. Was also ist das europäische Konzept zur Demokratisierung des Nahen Ostens?

Dass dort Menschen entwürdigt, entrechtet und öffentlich hingerichtet werden wie in Saudi-Arabien, war bis vor kurzem weder für Amerikaner noch für Europäer ein Grund, sich allzu sehr einzumischen. Die neue Sicherheitslage des Westens nach dem 11. September sollte indes klar machen, dass seine menschenrechtlichen Ideale wieder in seinem eigenen Interesse liegen. Wenn in einer globalisierten Welt nur Demokratisierung Sicherheit bringt, dann muss der Westen in noch nie gekannter Intensität alles daransetzen, Freiheit zu exportieren. Zuerst in den gefährlichen, gefährdeten Nahen Osten. Das Ziel haben die Amerikaner besser verstanden als die Alteuropäer. Aber warum haben sie zu dem schlechtesten Mittel zuerst gegriffen? Warum blinkt der plötzliche amerikanische Menschenrechts-Globalismus so verdächtig metallisch? Für die Zukunft jedoch kann man eines sicher voraussagen: Die Europäer können den Militarismus der Amerikaner nur bremsen, wenn sie ihre idealistischen Impulse ernst nehmen.