Charlotte Ziegler erinnert sich gern an den Ort ihrer Erleuchtung: die Sparkasse Zwettl. Wochenlang war die Archivarin durch das Zisterzienserstift geirrt, "auf der Suche nach dem richtigen Licht". Unter jede Lampe und an jedes Fenster des Klosters hatte sie ihre wurmzerfressenen Pergamentschnipsel gehalten: "Man erklärte mich schon für verrückt." Doch sie setzte ihre geistige Gesundheit vergeblich aufs Spiel: Zu schwach war der Kontrast der alten Federstriche. Der Text auf den Fetzen war unleserlich.

Dann fiel der Handschriftenfachfrau aus dem Waldviertel ein, dass Österreich gerade den Euro eingeführt hatte. Flugs lief sie zu ihrem Kreditinstitut. Siehe da: Unter dem Banknoten-Prüfgerät schienen die blassen Lettern plötzlich lesbar auf.

Was der harte Strahl des Ultraviolettlichts der Bibliotheksarchivarin entbot, erkannte diese als "eindeutig heldenepisch": Von "degene" (Kriegern) las Ziegler, von "hundert qnappin, gecleidet al nach einic sit" – und von einer "rurige kunigin", die einen "sivrit" beweint, dabei ganz "minneclich von triwer verzeret". Sivrit? War da etwa von Siegfried die Rede? Dem Nibelungen-Siegfried? Dann musste die "kunigin" die gute alte Kriemhild sein! Monatelang rang Ziegler mit sich und der fadbraunen Tinte, erwog und verwarf mehrere Lesarten, bis sie schließlich überzeugt war: Unter ihrer Lupe lag 800 Jahre alter Nibelungen-Text, womöglich sogar noch älter, jedenfalls älter als jede andere bekannte Nibelungen-Handschrift. War Ziegler im österreichischen Hinterland dem Ursprung der deutschen Nationalhelden auf die Spur gekommen?

Erstmals präsentierte sie ihren Sensationsfund bereits im Mai 2001 als letzte Rednerin des "Nibelungen-Abends" auf einem Kongress am Institute of Cistercian Art and Literature in Kalamazoo (USA). Dann veröffentlichte sie ihn im sechsten Band der entlegenen Schriftenreihe des Klosters Zwettl – und erntete Schweigen. Der Publicity-Sturm brach erst am vorvergangenen Montag los, als Ziegler für gut drei Minuten als Zusatzattraktion auf einer Pressekonferenz zum neuen Verbundkatalog der österreichischen Diözesan-, Kloster- und Stiftsarchive auftrat. Fernsehteams belagerten das Zwettler Scriptorium. Und Zeitungen in Kuba, Vietnam und Kolumbien machten sich daran, ihren Lesern mittelhochdeutsche Versepik zu erklären.

Doch dann brachten deutsche Mediävisten die Nibelungen-Sause zu jähem Ende. Obwohl der Marburger Philologe und Nibelungen-Spezialist Joachim Heinzle die Pergamente nur von Abbildungen kannte, widersprach er Zieglers Deutung vehement: Weder seien die Fragmente so alt wie behauptet, noch hätten sie irgendetwas mit den Nibelungen zu tun. Was Ziegler da aufgestöbert hat, seien vielmehr Bruchstücke eines "Erec-Romans" aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts – selbst für Experten ein wenig spannender Stoff: "Solche Schnipsel finden wir jeden Tag in unseren Handschriftensammlungen." Auch Charlotte Ziegler hatte in vier der zehn beidseitig beschriebenen Blättchen Erec erkannt. Aber die sechs anderen handelten von den Nibelungen. Darauf beharrt sie.

Die Schwierigkeit bei der Entzifferung der visitenkartengroßen Pergamentfitzel ist ihr schlechter Zustand: Ein sparsamer Mönch hat einst den ursprünglichen Codex zerlegt, um damit die Rücken anderer Bücher auszubessern. Vielleicht war der alte Schinken ja aus der Mode gekommen: Gegen Ende des Mittelalters zog man Ritterromane schwerfälligen Versen vor. Davor hatte mindestens ein wohlmeinender Schreiber die schwindende Tinte nachgemalt – und damit die Arbeit heutiger Schriftkundler zusätzlich verkompliziert.

Und so sind sich Ziegler und Heinzle in so gut wie gar nichts einig: Wo Erstere "Siegfried" sieht, erkennt Letzterer nur "Schnee". Ziegler liest "willkommen", wo Heinzle "werden" versteht. Aber da sei doch vom Bischof Pilgrim, bekannt aus dem Nibelungenlied, zu lesen, argumentiert Ziegler. Heinzle hingegen liest nur von Pilgern. Wo sie von einem Prosatext spricht, hat er Verse ausgemacht.

Der Streit tobt auch auf der Ebene der Buchstaben: Ein derart gestrecktes s könne nur der Feder eines frühen Schreibers entstammen, sagt Ziegler. Und vor allem die g: Manche gemahnen sie sogar an den Schriftstil zur Zeit Karls des Großen (8. Jahrhundert). Da zeigt Heinzle umgehend auf anders geformte g, die er frühestens Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden glaubt.