Es war ein mal ein Mädchen namens Nadine. Nadine wurde 1977 in der DDR als Tochter eines Volkspolizisten geboren. Als Judo-Talent stand sie kurz vor der Aufnahme in ein Sportinternat, als die Wende und Hüftprobleme dazwischenkamen. Mit Anfang 20 lebte Nadine immer noch bei den Eltern in Eichwalde bei Berlin, obwohl sie längst an der Freien Universität Jura studierte. Ihr Traumfach war das nicht, aber für Psychologie hatte die Abiturnote von 2,6 nicht gereicht. Mehr Spaß als die faden Paragrafen machten Nadine ihre Komparsenjobs beim Fernsehen. Als Typ "nettes Mädchen von nebenan" war sie in der Kartei einer Vermittlungsagentur gelandet. Mal wurde sie für die Seifenoper Gute Zeiten, schlechte Zeiten gebucht, mal für die RTL-Reihe Im Namen des Gesetzes. So hätte es mit Nadine weitergehen können. Irgendwann hätte sie wahrscheinlich Examen gemacht, obwohl sie "nicht gerade die Fleißigste war", sagt sie, sei sie "gut durchgekommen".

Doch plötzlich gab es Nadine nicht mehr. Alida war geboren. Unter ihrem zweiten Vornamen, den ihr der Großvater mitgegeben hatte, weil er die Talkmasterin Alida Gundlach aus dem Westfernsehen so prima fand, wurde die 23-Jährige schlagartig berühmt. Im Dezember 2000 gewann sie die zweite Staffel der Containershow Big Brother . Zurzeit feiert das schon totgeglaubte Reality-TV-Genre Wiederauferstehung. Nach dem Quotenerfolg von Superstars hat RTL2 Big Brother neu aufgelegt. Die Zielgruppe guckt wieder hin, Alida-Nadine nicht. Sie findet die Sendung "nicht interessant", nur zufällig habe sie ein paar Ausschnitte gesehen: "War ja klar, jeder spielt eine Rolle, und sie zeigen viel nackte Haut."

Keiner der neuen Teilnehmer wird erleben, was ihr widerfuhr. "Es war nicht leicht, auf dem Teppich zu bleiben", erinnert sich Alida Kurras. In der Öffentlichkeit konnte sie sich nur noch mit drei Bodyguards bewegen. Ging sie in Köln zum Klamottenkaufhaus H&M, habe der Laden schließen müssen, weil er von 500 Fans gestürmt worden sei. Alida entkam durch die Hintertür. In Hamburg sei ein bereits abgefertigtes Flugzeug ihretwegen angehalten worden, als das Bodenpersonal sie erkannte. Das Reality-Sternchen wurde zu Filmpremieren und exklusiven Partys eingeladen, bei denen Prominente diese Alida plötzlich mit Namen begrüßten. Sie hat Fotos von fünf Babys, die nach ihr benannt worden sind. Das Haus ihrer Eltern wurde von Kamerateams belagert.

Es war die Zeit des schnellen Ruhms, die Zeit der Luder und Zlatkos. Der Traum all dieser Nobodys, ein Star zu sein, verging so schnell, wie er gekommen war. Auch Alida blieb von drei Bodyguards bald nur noch einer. Und nachdem sie monatelang von früh bis spät betreut und bedient worden war, war eines Tages niemand mehr da. "Normal bleiben", hatte sich die Studentin aus Eichwalde schon im Container immer wieder gesagt, um sich für den Tag X zu wappnen. Normal bleiben – und notfalls das alte, vielleicht etwas langweilige Leben von Nadine wieder aufnehmen.

Doch dann geschah das eigentliche Wunder. Anders als all die anderen verschwand Alida nicht von der Bildfläche; sie ist immer noch regelmäßig im Fernsehen zu sehen. Als Moderatorin wirbt sie Kundschaft für Neun Live, einen Privatsender, der Gewinnspiele veranstaltet und von den Telefonanrufen der Zuschauer gut lebt. Ihr Jurastudium hat sie abgebrochen.

Sie macht Sendungen, die "Greif ab" und "Schnelles Geld" heißen

Alidas Fernsehwunderland liegt auf einem ehemaligen Kasernengelände am Rand von München-Schwabing. In Live-Sendungen, die Greif ab oder Schnelles Geld heißen, betätigt sich Alida als Anruf-Animierdame. Ihre Aufgabe ist es, möglichst viele Anrufe zu 49 Cent einzutreiben.

Bevor es heute losgeht, bleibt ihr noch Zeit, um auf einem sperrmüllreifen Sofa im Aufenthaltsraum eine Zigarette zu rauchen. "Die Diva kommt", scherzt ein Kollege, als sie den Raum betritt. An diesem kalten Frühlingsabend hat man die sportliche junge Frau mit dem gepiercten Lippenbändchen in ein ärmelloses rosafarbenes Abendkleid gesteckt und ihr unschuldige Blondlöckchen ins Haar gedreht. Zigarette aus. Es geht los. Inmitten eines geschmacklichen Albtraums von Deko-Plunder steht die Exstudentin im Studio hinter einem Pult. Vor ihr zwei Kameras, von oben heizen ihr die Scheinwerfer ein, unten frieren die Füße in rosaroten Pantöffelchen.