Dieser Angriff ist heftig", sagt Taisir Aluni. "Es ist wohl der stärkste, den wir bisher in diesem Krieg erlebt haben." Hauptnachrichtensendung des arabischen Satellitenkanals al-Dschasira, der Reporter berichtet live aus der irakischen Hauptstadt. "Taisir, was kannst du uns über Schäden sagen?", fragt die Moderatorin aus den Studio in Doha im Golfemirat Qatar.

Doch Aluni scheint sie nicht zu hören. Er dreht sich kurz um, schaut in den Nachthimmel. Ganz in der Nähe hat es eine Explosion gegeben. Ein Gebäude brennt lichterloh. "Das muss das Informationsministerium sein", sagt er in die Kamera. Es zischt, ein dumpfer Schlag, schließlich ein Donnern. Splitter fliegen. Aluni duckt sich. Ganz kurz huscht ein Schreck über sein Gesicht, doch dann funkelt es auch schon wieder im Augenwinkel: Reporterfieber. "Alles okay", sagt er in die Kamera, "das war ganz schön dicht dran." Er grinst. Taisir Aluni ist einer der Stars von al-Dschasira, so etwas wie der Peter Arnett der arabischen Welt. Man sieht ihn nur, wenn es richtig knallt.

Alunis Gesicht steht für die kritischen Momente in der Geschichte des kleinen Satellitensenders al-Dschasira. Er war "Mr. Taliban", der einzige Journalist, der während des Bombardements im Oktober 2001 aus Kabul berichten durfte – alle anderen Korrespondenten hatten die Taliban des Landes verwiesen. Auch damals stand er vor einem Nachthimmel, an dem die Bomben ihre Leuchtstreifen zogen. In dieser ersten Kriegsnacht wurde der Sender weltberühmt. Aluni bekam eine Kassette zugesteckt. Die Kassette! Es war die erste Botschaft Osama bin Ladens nach den Anschlägen vom 11. September 2001.

Aluni ist mit schuld daran, dass die amerikanische Regierung so schlecht auf al-Dschasira zu sprechen ist. Als der Emir von Qatar im Oktober 2001 zum Solidaritätsbesuch nach Amerika reiste, erwartete ihn ein eher lauer Empfang: Washington verlangte die sofortige Einstellung der antiamerikanischen Stimmungsmache auf "seinem" Sender. Aluni hatte in seinen Berichten aus Kabul verletzte Kinder und zerstörte Wohnhäuser gezeigt. Getroffen von den angeblichen Präzisionswaffen der USA. Die arabischen Zuschauer waren entsetzt. Der Emir von Qatar, Erfinder und Schirmherr von al-Dschasira, stellte sich schützend vor die Redaktion.

Zu innig mit al-Qaida?

Im November 2001 hieß es, Al-Qaida-Chef bin Laden sei bereit, auf Fragen von CNN und al-Dschasira zu antworten. Ein Fragenkatalog wurde daraufhin im Internet veröffentlicht. Dann wartete man ab. Kurz darauf bekam Taisir Aluni in Kabul Besuch: Bartträger. Sie verbanden ihm die Augen und brachten ihn in ein Versteck. Als er die Augen wieder öffnete, saß er bin Laden gegenüber. Aluni durfte jedoch nicht alle Fragen stellen und auch nicht nachhaken. Gefilmt wurde das Gespräch von einem Al-Qaida-Kameramann. Zum Abschied bekam Aluni die Aufnahme und eine Bedingung mit auf den Weg: Das Interview müsse in voller Länge gesendet werden. Daraufhin legte die Zentrale von al-Dschasira den Film ins Archiv. "Wir lassen uns keine Vorschriften machen", erklärt der Intendant des Senders Mohammed Jassim Al Ali.

Ebenfalls im November wurde das Al-Dschasira-Studio in Kabul von einer amerikanischen Bombe getroffen. Kurz darauf nahm die Nordallianz die Stadt ein. Taisir Aluni musste fliehen, zeitgleich mit den Taliban. Und al-Dschasira hatte seinen Ruf weg: als Sprachrohr der Terroristen. Aluni warf man vor, zu gute Kontakte zu bin Laden zu haben. "So ein Blödsinn", gab er zurück. "Natürlich hatte ich Kontakte zur damaligen afghanischen Regierung. Ich bin Journalist. Ich lebe von meinen Kontakten."

Nach seiner dramatischen Flucht über die pakistanische Grenze – eine Woche lang wusste niemand, wo er war – kehrte er in die Redaktion nach Doha zurück. Bereitwillig erzählt er noch einmal die Geschichte, wie damals der Bote mit bin Ladens erster Nachricht zu ihm kam. Er hatte gar keine Zeit, die Kassette anzuschauen, er stand doch pausenlos auf dem Dach seines Bürogebäudes und berichtete live.