Es war eine rundum gelungene Sache für Petra Zenker: ein ganzes Jahr Urlaub, Lateinamerika von Guatemala bis Kap Hoorn bereist, dabei fließend Spanisch gelernt. Und keine Geldsorgen, weil die Firma während der Aus-Zeit das volle Gehalt weiterzahlte.

Auch für Hewlett-Packard (HP), ihren Arbeitgeber, hat sich der zwölfmonatige Ausstieg der Finanzplanerin bezahlt gemacht. Kollegin Zenker kam ausgeruht zurück und war hoch motiviert, einen neuen Job zu übernehmen – ihre alte Abteilung war während ihrer Abwesenheit aufgelöst worden. Überdies hatte sie nun eine sprachliche Zusatzqualifikation. Und HP muss Petra Zenker keine der Überstunden bezahlen, von denen sie innerhalb von zwanzig Jahren Betriebszugehörigkeit eine ganze Menge angesammelt hatte. Denn Petra Zenker hat, wie alle Hewlett-Packard-Mitarbeiter, ein Arbeitszeitkonto.

Auf der Habenseite dieses Kontos sammeln die HP-Angestellten alle Stunden, die die tarifliche Arbeitszeit von 38 Wochenstunden überschreiten. Da die Regelarbeitszeit bei dem Computerhersteller 40 Stunden beträgt – anders könnte die deutsche Tochtergesellschaft beim benchmarking im Konzernverbund nicht mithalten –, laufen automatisch jede Woche zwei Stunden auf dem Konto auf. Außerdem dürfen die Mitarbeiter weitere Überstunden oder Urlaubsansprüche auf das Konto einzahlen. Und die Zeitguthaben können sie dann nach Absprache mit den Kollegen in ihrem Team für alle möglichen Zwecke anzapfen: für einen freien Tag zwischendurch, einen verlängerten Urlaub, ein Sabbatical für Weltreise, Hausbau, Elternzeit oder auch für den vorgezogenen Ruhestand.

Im Schnitt haben die Hewlett-Packard-Angestellten 75 Tage auf ihrem Konto gut, viele kommen auch auf 200 Tage und mehr. HP muss dafür in der Bilanz Rückstellungen von 80 Millionen Euro bilden – und für Personalchef Fritz Schuller ist das gut angelegtes Geld: "Wir betrachten das als eine kreative Sozialleistung."

Missbrauch? Kein Problem!

Besonders stolz ist Schuller auf die Unternehmens-Maxime "Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser": Kein Chef kontrolliert, wer wann arbeitet und welche Stunden er sich aufschreibt. Die Mitarbeiter erfassen ihre Anwesenheit elektronisch im Intranet; die Systemvorgabe ist auf acht Stunden tägliche Arbeitszeit definiert, sodass jeder nur die Abweichungen davon eingibt. Darüber, dass die Mitarbeiter das Vertrauen missbrauchen könnten, macht man sich bei HP keine große Sorge. Das Argument der Geschäftsleitung: Selbst wenn zehn Prozent der Belegschaft beim Stundenschreiben schummeln würden, käme das, was bei den ehrlichen neunzig Prozent an Motivation geweckt wird, unterm Strich als Gewinn für die Firma heraus.

Hewlett-Packard ist ein Vorreiter bei der Entwicklung intelligenter Arbeitszeitmodelle. Aber konkurrenzlos ist das Unternehmen damit längst nicht mehr. Seit Mitte der neunziger Jahre hat in deutschen Firmen ein erstaunlicher Wandel im Umgang mit Arbeitszeiten eingesetzt. Anwesenheitskontrolle durch Stempelkarte und Stechuhr, bezahlte Überstunden und feste Arbeitzeiten von acht bis fünf sind weitgehend verschwunden. Schon vierzig Prozent aller Beschäftigten, so ermittelte das Kölner Institut zur Erforschung sozialer Chancen (ISO) für das Jahr 2001, regeln ihre Arbeitszeit mehr oder weniger souverän über ein Arbeitszeitkonto. Eine aktuelle Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) hat ergeben, dass 70 Prozent aller deutschen Betriebe, die einen Betriebsrat und mindestens 20 Beschäftigte haben, ihren Mitarbeitern Arbeitszeitflexibilität über ein Arbeitszeitkonto geben.