Bestimmt ist der Türke schuld. Oder war es der Grieche mit seinem Sirtaki?

Verdächtig ist auch der Russe. Man kann ihm einiges vorwerfen, indirekt auch Iwan Rebroff und das Revival der Pelzmütze. Ob der Russe allerdings die alleinige Verantwortung dafür trägt, dass im kommenden Sommer aller Voraussicht nach halb Europa herumläuft wie Dschingis Khan 1979 beim Grand Prix d'Eurovision? Wenn schon, dann muss auch der Inder bezichtigt werden.

Auch er trägt schließlich Mitschuld am Comeback der Pumphose. Generationen von Rucksacktouristen haben sich in Delhi oder Kalkutta mit der korrekten Wickeltechnik des traditionellen Dhoti abgemüht. Die meisten sind daran gescheitert, dass die Stoffbahn zwischen den Beinen durchgezogen und irgendwo befestigt werden musste. Schlussendlich kauften sie sich bunt bedruckte Freizeithosen, weit, leger und mit Gummizug. Solche, die nach unten hin schmal zusammengerafft sind. In den Einkaufsstraßen der Großstädte sah man sie zum Glück selten. Bis jetzt.

In diesem Frühjahr sehen komplette Abteilungen der Modekaufhäuser und Boutiquen aus, als wollte der Karneval gar nicht zu Ende gehen. Da gibt es Türken-, Griechen- und Araberhosen, ebenso Knickerbocker, Kosaken- und Reiterhosen - also alles, was unten eng und darüber blusig geschoppt ist.

Das ist einerseits überraschend, weil Pumphosen etwa so lässig aussehen wie Anzugträger, die vergessen haben, ihr Fahrradklettband vom Hosenbein zu entfernen, oder wie Senioren auf Kneipp-Tour. Auch weckt das Schneidige der Knobelbecher-Variante in Kriegszeiten ja unangenehme Assoziationen.

Andererseits folgt das Comeback des Puffärmels unter den Beinkleidern strikt den Gesetzen der Mode, wo ja immer genau das wiederkommt, von dem man sich zuvor am sichersten war, es nie wieder anziehen zu wollen. Man denke nur an Damenschulterpolster und goldene Slipper. Selbst in den Achtzigern trug man die nur im Urlaub.

Doch dieses Jahr wird alles anders. Statt Karneval in Rio droht der Dauerfasching in Mitteleuropa. Statt mäßig authentischer Folkloreveranstaltungen in Ankara oder auf Kreta beherrscht in diesem Sommer der multikulturelle Traditionslook die Straßen zwischen Flensburg und Schaffhausen. Wirtschaftsflaute, steigende Arbeitslosenzahlen, vor allem aber die Angst vor Terroranschlägen veranlasst den Deutschen, seine Reisepläne von Tunesien an die Greifswalder Oie zu verlegen. Mecklenburg-Vorpommern boomt, fand die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen erst kürzlich heraus.