Der schlimmste Monat ist der Mai. Im Mai hatte Manny Geburtstag, dieses Jahr wäre er 54 geworden. Im Mai wurde Manny getötet, das ist vier Jahre her. Bill stellt sich manchmal vor, sie wären eine ganz normale Familie geblieben – eine Familie, die im Frühling den Gartengrill anwirft und die ersten Spiele der neuen Baseballsaison diskutiert. Dieses Jahr hätte er mit Manny vor dem Fernseher gesessen und den Krieg verfolgt. Manny war besessen vom Krieg.

Bill hat Mannys Totenschein aufgehoben und ein Foto seines Bruders darauf geklebt. Als Geburtsdatum ist der 3. Mai 1949 eingetragen, als Todestag der 4. Mai 1999. Amtlich bestätigt von Dr. Ross R. Davis, San Quentin, Marin County, Kalifornien. Unter der Rubrik "Todesursache" hat der Arzt "Totschlag" angekreuzt und mit Schreibmaschine "gerechtfertigt" darüber getippt. Manuel Pina Babbitt, genannt Manny, war am 4. Mai 1999 im Gefängnis von San Quentin durch die Injektion eines Herzlähmungsmittels exekutiert worden. Bill Babbitt sah dabei zu. "Ich vergebe euch allen" – das waren Mannys letzte Worte, und sie waren vor allem an Bill gerichtet.

Bill Babbitt ist jetzt 59 Jahre alt, ein kleiner Mann mit großem Bauch, pfeffergrauem Haar, Tränensäcken unter den Augen und schwieligen Händen. Er war über 20 Jahre Rohrleger bei der Eisenbahn, heute arbeitet er in Sacramento als Mechaniker für die kalifornische Straßenbaubehörde. Es ist ein guter Job mit Pensionsanspruch und Krankenversicherung. In der Mittagspause läuft er manchmal durch den Park vor dem Kapitol, wo sein oberster Dienstherr, der kalifornische Gouverneur, sitzt. Der Mann heißt Gray Davis und gehört der Demokratischen Partei an. Als Davis 1998 zum ersten Mal kandidierte, hatte Bill Babbitt ihn gewählt. Das war einer der Fehler, die er heute bereut. Ein kleiner Fehler.

Man muss Bill Babbitt nicht drängen, seine Geschichte zu erzählen. Er kommt dabei schnell außer Atem, er weint, und manchmal geraten ihm die Jahreszahlen durcheinander. Aber er hat sich das Reden als Therapie verordnet. Nicht gegen das Schuldgefühl, das ihn auf ewig verfolgen wird, sondern gegen den Hass und die Wut. Eigentlich müsste er sein Land verfluchen, bloß wäre er dann im Herzen heimatlos, und dafür ist er nicht stark genug. Die Babbitts haben zu lange darum gekämpft, Bürger dieses Landes zu werden. Also weht vor seinem Haus die amerikanische Fahne, die er auch nachts nicht mehr einholt, schon gar nicht jetzt, wo der nächste Krieg begonnen hat. Er bleibe Patriot, sagt er. "Trotz allem."

Er ist, trotz allem, immer noch dankbar für diese Armee, die schwarze Einwanderersöhne wie ihn und Manny aufnahm und nachreichte, was ihnen bis dahin verwehrt geblieben war: einen Schulabschluss, eine saubere Unterkunft, Reisen um die Welt in der Uniform einer Supermacht. Bill Babbitt verpflichtete sich mit 17Jahren bei der Navy, lernte Istanbul kennen, ankerte als "Kalter-Kriegs-Matrose" vor Kuba, wurde zum Fähnrich befördert. Das war ein rasanter Aufstieg für den Sohn eines kapverdischen Landarbeiters aus Massachusetts, der seine Kinder aus der Schule nahm und aufs Feld zum Arbeiten schickte. Nach vier Jahren Militärdienst verließ Bill Babbitt die Armee. Das Zeugnis der ehrenhaften Entlassung ist ihm bis heute heilig. Es war der Ausweis, endgültig in dieses Land aufgenommen worden zu sein. Er hatte das Recht eines guten Amerikaners erworben, seine Vergangenheit abzustreifen und irgendwo neu anzufangen. Bill zog auf der Suche nach dem guten Leben nach Kalifornien – mitten hinein ins Utopia der Hippie-Bewegung.

Das war 1967. Da war Manny, ebenfalls mit 17, gerade ins Rekrutierungsbüro marschiert, wollte wie sein großer Bruder heraus aus einer Welt, die ihm bestenfalls einen Platz als Fließbandarbeiter in der örtlichen Schuhfabrik bot. Ein Offizier füllte den Eingangstest aus, weil der Junge kaum lesen und schreiben konnte. Manny absolvierte die Grundausbildung mit Bravour. Aus einem Analphabeten wurde ein Gefreiter des US Marine Corps. "The few, the proud" lautet deren Motto, "Semper Fi" ihr Schwur. In ewiger Treue. Manny, im Kopf immer langsamer als seine sieben Geschwister, war plötzlich der Held der Familie. Manny Babbitt kam nach Vietnam.

Manny hielt Autoscheinwerfer für die Lichter anfliegender Hubschrauber

Vielleicht, sagt Bill Babbitt, habe Gott schon damals, im Januar 1968, die Weichen für diese Tragödie gestellt. Da hatte er seinen kleinen Bruder aus den Augen verloren, saß in den Cafés der Westküste, demonstrierte gegen den Krieg, rauchte Joints und rief: "Make love not war!" Ein paar Mal ballte er bei Versammlungen der Black Panther die Faust, aber nie richtig fest. Revolution war seine Sache nicht. Er fühlte sich wohl bei den weißen Blumenkindern, die von sich glaubten, sie seien farbenblind.