Noch 17 Monate hat Hendrik Hübner Zeit zu beweisen, dass ihn Oberhausen braucht. Deshalb arbeitet der 34 Jahre alte Jurist Tag für Tag "120 Prozent". Jagt im Auftrag des Sozialamts Väter, die den Unterhalt für ihre Kinder und geschiedene Frauen nicht zahlen und deren Lebenskosten auf die Sozialhilfe abschieben. Und hat beständig den 1. August 2004 im Kopf. Dann läuft sein Zeitvertrag aus, schon zum zweiten Mal.

Ein einzelnes Beispiel steht für einen wachsenden Konflikt. Immer mehr Beschäftigte beim Staat arbeiten auf Zeit. Der öffentliche Dienst teilt sich: in eine ältere, unbefristete Kernbelegschaft und eine jüngere, hoch qualifizierte und ungesicherte Randgruppe mit oft langen Befristungskarrieren.

55 Prozent aller Stellen auf Zeit

Nach einer Mitte März veröffentlichten Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in Düsseldorf ist die Zahl der Befristungen im öffentlichen Dienst heute doppelt so hoch wie in der Privatwirtschaft. 2002 wurden im Westteil Deutschlands 55 Prozent aller öffentlichen Stellen auf Zeit vergeben, weist auch das Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg aus. In Ostdeutschland waren es sogar 85 Prozent. Und es werden stetig mehr, sagt Heide Pfarr, wissenschaftliche Direktorin des WSI.

Mindestens 300000 der rund vier Millionen Angestellten und Arbeiter des öffentlichen Dienstes in Deutschland ergeht es inzwischen wie dem Juristen Hübner, zählt das Statistische Bundesamt. Von den rund 11000 Beschäftigten im nordrhein-westfälischen Justizwesen etwa haben 1350 einen Zeitvertrag – eine Quote von zwölf Prozent. Seit sieben Jahren hat die Justizverwaltung keine Mitarbeiter mehr unbefristet eingestellt, ausgenommen einige Auszubildende, berichtet ein Vertrauensmann der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Die Befristungsintervalle würden dabei immer kürzer: neun, sechs, drei Monate. Wie viele Zeitverträge es darüber hinaus in Stadtwerken, Beschäftigungsgesellschaften und teilprivatisierten Unternehmen gibt, vermag niemand genau zu sagen.

Reihenweise laufen junge Leute in die Falle. Nach Studium und Ausbildung sind die meisten angesichts von 4,7 Millionen Arbeitslosen froh, überhaupt einen Job gefunden zu haben. Doch wer einmal einen Zeitvertrag unterschrieben hat, verfängt sich leicht im Kreislauf immer neuer Befristungen.

Wulf Nattkamp etwa hat die dritte Stelle auf Zeit. Besser: den dritten Arbeitsvertrag, denn die Stelle bleibt immer dieselbe. Nattkamp ist Sozialarbeiter in der Fachstelle Methadon der Drogenberatung in Oberhausen. Ein Jahr, eineinhalb Jahre, wieder ein Jahr. Erst, wenn das Land neue Fördergelder für das Projekt bewilligt, gibt es auch einen neuen Vertrag. "Am Jahresende sitze ich jedes Mal auf heißen Kohlen", sagt Nattkamp.

Die klamme Finanzlage zwingt Städte wie Länder, immer mehr kurzfristige Projekte aufzulegen, statt dauerhaft einzustellen. Wird im Haushaltsplan Geld für einen festen Zeitraum ausgewiesen, können ganz legal auch befristete Verträge abgeschlossen werden. So bleiben die öffentlichen Arbeitgeber beweglich und umgehen Tarifverträge. Auch der Nimbus, im öffentlichen Dienst werde nicht betriebsbedingt gekündigt, bleibt unangetastet. Allerdings fallen Zeitverträge pauschalen Kürzungen oft als Erstes zum Opfer. "Die Bürgermeister sagen das nicht, gehen diesen Weg aber mehr und mehr", sagt Bernd Jürgen Schneider vom nordrhein-westfälischen Städte- und Gemeindebund.